Sonntag, 17. Oktober 2010

Rascheln 2

Um diesen Zusammenhang ist es mir offenbar gegangen, als ich der Tess im Zeitraum von April-Juni von der Begebenheit mit dem Voyeurismus des Professors erzählt habe: Der Zusammenhang, der begann mit dem Rascheln und meinem mich Umdrehen, dem Erblicken des zu mir her starrenden Nachbarn, und der sich später fortsetzte mit seinem Reden über mich zu der Frau, mit der er auf dem Dach saß – dem Zusammenhang dessen mit allem anderen, was viel später geschah zwischen mir und der Tess und leider auch ihm. Mit ihm, der von Anfang an dabei war in diesem Geschehen und mit dem es sogar angefangen hatte - wenn ich meine Geschichte mit der Tess betrachte von diesem Moment her, da der Nachbar von gegenüber, der Professor, ihr Freund oder Lebensgefährte, mich beobachtet hat und ich sein Beobachten bemerkte. Das nur als weiteres Bemerken. Nicht als Unterstellung oder Behauptung der Art: Damit fing alles an. Nicht in der Meinung, dass es von da aus einen Anstoß gegegeben hätte, der alles Folgende ausgelöst hat. Wenn das so gewesen sein sollte, dann weiß ich nichts davon, kann ich nichts davon wissen und dann ist es mir so unverständlich wie das Starren des Nachbars und sein späteres Erzählen davon, es erzählen einer Frau, mit der er auf dem Dach gesessen hat, mutmaßlich nach der ersten gemeinsamen Liebesnacht, auf jeden Fall zu Beginn der Verbindung, die er mit dieser Frau eingegangen ist. Also kein unterstellter ursächlicher Zusammenhang. Zusammenhang nur in dem Sinn, dass die Konstellation eines späteren Geschehens (ích -Tess-Professor) hier zum ersten Mal aufgetreten ist. Als Ko-Präsenz, nicht mehr. – Und das wiederum von mir erinnert, bemerkt und der Tess erzählt in der Phase von April – Juni. So dass dieses Erinnern und Bemerken und Erzählen von mir es ist, was den Zusammenhang hergestellt hat, und es sein kann, dass es neben diesem Erinnern, Bemerken und Erzählen von mir keinen anderen Grund gibt, diesen Zusammenhang herzustellen. – Was ich jetzt so pedantisch darstelle aus einem Bemühen um intellektuelle Redlichkeit. Was ich jedoch, als ich der Tess davon erzählt habe, nicht so gesehen habe. Da wollte ich etwas unterstellen. Da meinte ich, intuitiv etwas erfasst zu haben, das wohl – würde ich doch die verdammte Textstelle finden! – auf die Feststellung hinaus lief, dass es von Anfang an um Sex gegangen ist in dem Zusammenhang der Konstellation von ich-Tess-Professor. Was nun nicht viel zu sagen hat: es ist von Anfang an um Sex gegangen. Und möglicherweise als Intuition auch weniger ein Erfassen eines Sachverhalts gewesen ist, als Ausdruck eines Bedürfnisses über Sex zu sprechen. Sex, der vorher im Schreiben an die Tess, das im November des Vorjahres begonnen hatte (siehe Brief 1, 2, 3) explizit kein Thema war. Weil ich sie dazu gar nicht gut genug kannte, weshalb es alleine schon aus Zurückhaltung kein Thema sein konnte. Und weil sexuelles Begehren zwar naturgemäß der Auslöser meines Interesses an der Tess war, aber bald überlagert wurde von dem Wunsch, sie überhaupt kennenzulernen, mit dieser rätselhaften und mich bezaubernden Person bekannt zu werden. So dass ich sagen kann, so merkwürdig mir dieser Satz selbst vorkommt: dass ich nie zuvor eine Frau so sehr als Person begehrt habe wie die Tess. So sehr als Person begehrt habe, dass das sexuelle Begehren, obwohl unverändert da, in den Hintergrund getreten ist. Das änderte sich in den Monaten April-Juni. Sicher auch wegen Frühling und Frühsommer. Vor allem aber änderte es sich wegen meiner Eifersucht – und ausbrechenden Rivalität mit dem Professor, als ich durch meine Beobachtungen im Umgang mit der Tess darauf aufmerksam wurde, wie sie sich dem Professor entzogen hat, indem sie in dem kleinen Apartment (Contessa-Zimmer) übernachtete und dann sich wieder mit ihm versöhnte, erkennbar daran, dass sie nicht mehr in dem kleinen Apartment übernachtete, sondern im hinteren Teil der Wohnung, mutmaßlich in seinem Bett. Was wiederum von der bis dahin abstrakten Vorstellung, dass die beiden Sex miteinander haben, zu einer lebhaften Vorstellung des Sex der beiden führte. Somit war der Sex der beiden, von dem ich mir vorher keine konkreten Vorstellungen gemacht hatte, zu einer mich quälenden, mich eifersüchtig machenden Vorstellung geworden. Und damit zu einem Thema, über das ich nun auch geschrieben habe an die Tess. Zum Beispiel, indem ich ihr erzählte von der Voyeurszene mit dem Professor. Wenn ich die verdammte Textstelle nur finden könnte!

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