Kroll hat nach dieser Erzählung Sympathie für Liliane – wegen ihrer Offenheit und wie man eben Sympathie haben muß mit jemandem, der so viel gewagt und jetzt alles verloren hat, aber immer noch nicht aufgeben will. Trotz allem Wohlwollen kann er Lilianes Bitte um einen Aufschub der polizeilichen Ermittlungen nicht nachkommen. Allerdings sagt er im Hinausgehen, dass sie sich wohl vorstellen kann, dass dies nicht sein einziger Fall ist. Und dann nickt er ihr noch mal aufmunternd zu.
Damit hat Liliane ihren Aufschub. Aber was macht sie jetzt damit? – Ihre Mutter beschwören, Perle beschwören, auf Daniel einzuwirken, dass er mit ihr redet. Sie wird ihm alles erklären. – „Was willst du ihm erklären?“ fragt ihre Mutter. „Dass du nicht wolltest, dass ihm drei Rippen gebrochen werden? Eine hätte dir auch schon genügt? Oder willst du ihm wieder sagen, dass er selbst daran schuld ist?“ – „Ist er doch auch. Warum hat er sich so gewehrt?“ möchte sie sagen. Das wird sie aber erst später tun. Jetzt beißt sie sich auf die Lippen und dann heult sie ihre ganze Verzweiflung aus sich heraus: „Reden will ich mit ihm wie unter Menschen. Anklagen soll er mich und beschuldigen. Schimpfen soll er mit mir und mich verwünschen. Streiten soll er mit mir und mich auch anhören. Wie sollen wir uns je wieder versöhnen, wenn er nicht bereit ist, mit mir zu streiten? Es kann doch nicht sein, dass es keine Versöhnung geben kann zwischen einer Mutter und ihrem Sohn. Egal, was für Fehler sie gemacht hat.“ – „Du hast ihn nicht gesehen“, meint darauf Edith nur knapp. Während Perle sichtlich mitgenommen ist von den Tränen ihrer Mutter: „Wir haben es ja schon versucht, ihn umzustimmen. Aber da hat er so getobt, dass er Nasenbluten gekriegt hat.“ – Und dann kommt es: „Maren“, murmelt Edith. – Was? – „Gehe zu Maren!“ wiederholt Edith. „Wenn er auf jemanden hört, dann auf sie. Er war überglücklich, dass sie in die Klinik gekommen ist. Und obwohl er so elend dran war in der Nacht, hat er ihr einen Heiratsantrag gemacht.“
Liliane stöhnt auf und blickt zerknirscht zum Himmel: „Das habe ich jetzt also auch noch geschafft.“ Dann schüttelt sie den Kopf. Wir ahnen, dass sie es weniger Überwindung kosten würde, sich einen Finger abzuhacken, als zu ihrer Widersacherin zu gehen. Und überhaupt, was soll es bringen? „Soll ich mir die Klamotten zerreißen, mich vor ihr in den Staub werfen, und dann wird alles gut.“ – „Damit solltest du nicht rechnen“, meint Edith trocken.
Doch schließlich bleibt Liliane nichts anderes übrig, als dem Rat ihrer Mutter zu folgen. Das Angebot von Edith und Perle, sie zu begleiten, schlägt sie aus. Keine Zeugen, wenn sie sich demütigt. Doch zu Lilianes Verblüffung wird es dann gar kein so schwerer Gang für sie. Maren ist distanziert und sehr kühl, aber nicht abweisend, und keineswegs verwundert, dass Liliane zu ihr kommt. – Liliane eröffnet, indem sie sagt, dass sie von ihrer Mutter erfahren hat, dass Maren und Daniel sich versöhnt haben. – Nein, berichtigt Maren spröde, das kann man nicht sagen, dass sie sich mit ihm versöhnt hat. Sie will ihm nur beistehen, solange es ihm so dreckig geht. – Das ist ihr hoch anzurechnen, versucht sich Liliane nun auf eine Art, die nicht die ihre ist. Daher läßt sie es lieber gleich wieder und kommt nach tiefem Atemholen zu ihrer Bitte. So schwer es ihr fällt, sie zu äußern, so weit holt sie aus: „Es geht mir nicht um die Anzeige, die er gegen mich erstattet hat. Das ist mir egal. Wenn er es will, wenn er es braucht, mich vor Gericht zu zerren, das kann er haben. Worum es mir einzig geht, das ist, dass er sich nicht verrennt, dass er sich nicht so verhärtet gegen mich, dass es für ihn kein Zurück mehr gibt zu mir. Das würde ich….“ – Da unterbricht sie Maren, als wolle sie ihr sagen, dass sie sich weitere Worte sparen soll, weil sie nichts für sie tun kann. Doch das Gegenteil ist der Fall: „Ich kann ihn nicht zwingen, mit dir zu reden. Alles, was ich tun kann, ist, dich mitzunehmen ins Krankenhaus und ihn daran zu hindern, dass er dich rauswirft.“ – Liliane ist zum ersten Mal beeindruckt von Maren.
Auf dem Weg in die Klinik haben die beiden dann so etwas wie eine Aussprache - „so etwas“, denn darauf, dass die beiden je miteinander ins Reine kommen, gibt es keine Hinweise. Nur mal so, um Ton und Atmosphäre anzudeuten:
Maren:
Wegen Leuten wie Dir gibt es immer noch Vorurteile gegen Juden.
Liliane:
Ha! Man muß nur lange genug kratzen an euch Philosemiten und schon kommt der Antisemitismus zum Vorschein.
Maren:
Ich bin keine Philosemitin. Ich bin Konvertitin.
Liliane:
Wieso willst du immer noch konvertieren? Du kriegst ihn doch jetzt auch so.
Maren:
Wenn ich was angefangen habe, bringe ich es auch zu Ende.
Liliane:
So hat Hitler auch gedacht.
Maren:
War das jetzt wieder der berühmte jüdische Humor?
Liliane:
Das hat mich gestern schon mal jemand gefragt.
Maren:
Weil du überhaupt keinen Humor hast. Du bist dir nur für keine Bösartigkeit zu schade.
Liliane:
Aber das ist eine Art von Humor.
Maren:
Und wieso kann ich darüber nicht lachen?
Liliane:
Der andere hätte beinahe gelacht, obwohl er auch a Goj ist.
Maren:
Und warum hat er nicht gelacht?
Liliane:
(lächelnd bei der Erinnerung an Kroll)
Weil er im Dienst war.
Maren sieht sie von der Seite an. Jetzt ist es einmal an ihr, die Augen zu verdrehen - und dann auch gleich vorbei mit so etwas wie Aussprachen. Denn Daniel ist aus der Klinik abgehauen. Hintergrund: Er hat mit Kroll telefoniert, um zu erfahren, wie es steht mit seiner Anzeige. Er hat den Eindruck gewonnen, dass die Polizei die Bearbeitung des Falles verschleppt, weil Kroll sich von seiner Mutter hat einwickeln lassen. – Aber was hat er jetzt bloß vor? Von der Stations-Schwester gibt es einen ersten Hinweis: Daniel hat Einwegspritzen und diverse Barbiturate in einer Menge mitgenommen, mit der man die komplette Besatzung eines Eisbärgeheges sedieren könnte. - Anscheinend ist er hinter Michail her. Er will sich an ihm rächen. – Ohne Worte werden Maren und Liliane jetzt zum Team. Sie müssen Daniel finden, bevor er Michail findet. – Wo wird er suchen? – Vielleicht bei Nadja.
Nadja mit Aaron. Sie warten auf Michail, um mit ihm zusammen ihre Eltern vom Flughafen abzuholen. Nadja kann sich nicht erklären, wo er bleibt. – Dann der Anruf von Perle. Daniel hat angerufen. Liliane soll nach Hause kommen. Und ein Kriminalbeamter ist da, den hat Daniel herbestellt. – Jetzt dämmert Liliane, was ihr Sohn vorhat. – Mit Nadja und Aaron auf dem Rücksitz fahren Maren und Liliane los. – Was hat Daniel vor? - Liliane: „Einen Schauprozeß will er mir machen, der Golem. Ist es zu fassen? – Das ist sein gojischer Hang zum Pathetischen. Den hat er von seinem Vater. - Wagner! Meschuggener Wagner.“ – „War sein Vater nicht Jude?“ – Nein. – „Und wer war sein Vater?“ – „Wenn ich es ihm nie gesagt habe, werde ich es dir auch nicht sagen.“ – „Warum nicht, war es jemand Berühmtes.“ - Liliane schweigt. – Nadja verschmitzt: „Wagner?“ – Trotz des Ernst der Lage müssen Liliane, Nadja und auch Aaron lachen. Maren fühlt sich ausgeschlossen. Aber das ist ihr jetzt auch egal. Sie kommt schon noch dran.
Doch jetzt hat erstmal Daniel seinen Auftritt. Wie sich beim Eintreffen von Liliane und den drei anderen zeigt, hat er nicht nur Edith, Perle und Kroll in die Wohnung gerufen, sondern auch Rabbi Levinson (um die Öffentlichkeit der Gemeinde herzustellen). Bei Daniel ist Michail oder das, was von ihm übrig geblieben ist: blöde grinsendes, lallendes Gemüse. – Daniel, in der Rolle des Anklägers (er hat tatsächlich einen Hang zum Pathos), hat deshalb einige Mühe verwertbare Aussagen von Michail zu bekommen. - Während Liliane es kaum aushält, als sie jetzt ihren kaputten Prinzen zum ersten Mal sieht (in der Klinik hat sie ihn ja nicht gesehen). Dann faßt sie sich und macht Michails Qual ein Ende, indem sie Daniel zur Vernunft ruft - aber ganz im Ton der liebenden Mutter, der es fast das Herz zerreißt beim Anblick ihres so übel zugerichteten Kindes: Was macht er denn da nur? Das hätte er doch alles viel einfacher haben können, wenn er nur mit ihr geredet hätte. Er muß nicht beweisen, dass sie Michail angestiftet hat. Sie gibt es ja zu. Und jeder weiß das, auch der Herr Kroll. Aber sie wollte nicht, dass er so schwer verletzt wird. Sie wollte überhaupt nicht, dass er verletzt wird. Alles ist nur gekommen, weil er sich so gewehrt hat. – Bitteres Auflachen Daniels. Räuspern in der Runde. – Und dann sagt sie, wie unendlich leid es ihr tut, wie alles gekommen ist. Aber jetzt reden sie wenigsten endlich mit einander … .
Daniel, der jetzt ziemlich dumm dasteht in seiner Anklägerrolle, nachdem seine Mutter so unumwunden zugibt, was er spektakulär beweisen wollte, denkt aber gar nicht daran mit ihr zu reden. Statt dessen wendet er sich an Kroll: Er hat alles gehört. Der Beweis ist erbracht, dass seine Mutter Michail angestiftet hat. – Dann nimmt er Maren am Arm und will mit ihr weggehen. Doch Maren will nicht mit ihm weggehen: Wenn er sich nicht mit seiner Mutter versöhnt, dann kann er alleine gehen. Und über eine Heirat muß er dann nie wieder mit ihr reden. – Sie will keinen Mann, der mit seiner Mutter im Streit lebt. Weil sie nicht nur einen Mann will, sondern eine Familie. Mit allem, was dazu gehört, Großmutter und Schwägerin und die Schwiegermutter. Sie ist ohne Mutter aufgewachsen. Jetzt will sie wenigstens eine Schwiegermutter haben. Selbst, wenn sie so ist wie Liliane – und sie den Humor, auf den sie sich so viel einbildet, wahrscheinlich nie verstehen wird. - Bei Liliane fließen Tränen. Und Daniel steht jetzt noch dümmer da als zuvor: Was erwartet Maren von ihm? Sie wird doch wohl nicht erwarten, dass er seine Mutter in die Arme schließt, sagt er, den Blick seiner Mutter vermeidend. – Darauf Liliane: „Aber nein, Daniel, bloß nicht! Denk an deine gebrochenen Rippen!“
Der Rest ist Tumult, erstmal viel Tumult, denn auf wundersame Weise haben die Eltern Ginzburg den Weg vom Flughafen in die Wohnung der Familie Katz alleine gefunden, und als die eintreffen und nun ihren mit Drogen vollgepumpten Sohn sehen, da ist gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn Edith nicht den gesamten Kalten Krieg mitgemacht hätte und fließend Russisch spräche. Und wenn Nadja ihnen dann nicht auch noch Aaron vorstellen könnte: Aaron Liebkind, mehr als ein Geliebter, sagt sie, eine verwandte Seele. Ein Musiker. Komponist. Und, beeilt sie sich hinzuzufügen, sein Vater, Jacques Liebkind, hat in Straßburg eine große Handlung mit koscherem Wein. Weltweit.
„Dann auf nach Straßburg!“ kann Kroll da nur noch sagen, um sich dann mit der jungen Kollegin in seiner Begleitung darauf zu einigen, dass sie das Geschehen, dessen Zeugen sie soeben waren, als „außerordentliches außerdienstliches Erlebnis“ behandeln werden. „Das heißt, Frau Katz, dass wir die Freiheitsberaubung und was Ihr Sohn sonst noch mit dem Herrn Ginzburg angestellt hat, vergessen werden, und die Posse mit den Anzeigen gegen ihn und gegen Sie selbstverständlich auch.“ – Dafür dankt ihm Liliane und fügt dann an sein Ohr gebeugt hinzu: „Aber meine Telefonnummer, die müssen Sie nicht vergessen. Es wäre mir eine Freude.“
ã Askania Media Filmproduktion GmbH/Wolfgang Gensheimer