Sonntag, 26. September 2010
Süchtig 2
In meinem fiktiven Bekenntnis zu meiner Sucht beim Treffen der Anonymen Plotsüchtigen folgen weitere Namen: Godard, Fassbinder, Herzog, Murnau, von Sternberg, Lubitsch, Ford, Hawks, Hitchcock, Rosselini. De Sica, Visconti, Chabrol, Resnais, Kubrick, Bertolucci, Eustache, Cassavetes, Scorsese, Coppola, Allen ... . Beschreibung einer Begeisterung. Einer Leidenschaft. Eines Rausches. Und der Witz besteht nun in der Analogie zum Abstieg eines Süchtigen, der angefangen hat mit Champagner der Marken Krug und Roederer und endet bei einer Plörre von Aldi zu 1 Euro 49 die Flasche. Hauptsache es geht in den Kopf und knallt. – Keine weiteren Erläuterungen zur Analogie. Keine Einzelheiten zu den Stufen des Abstiegs. Das ist nicht aufschlussreich. Kein Ausmalen der Szenerie bei den Anonymen Plotsüchtigen. Das ist nicht lustig. Nur noch: Nach dem Ende meines Bekenntnisses das Schweigen der Anonymen Plotsüchtigen – und dann ein Räuspern aus dem Hintergrund und eine Stimme, die sagt: Du hast hier nichts verloren. Du bist noch nicht weit genug unten. Du willst gar nicht aufhören. Du glaubst immer noch ans Plotten. Du hast noch nicht alles versucht. Komm wieder, wenn du wirklich aufhören willst. – Geschichte meines Lebens. Nirgends dazu zu gehören. Davon erzählen? – Bloß nicht! Das kenne ich doch schon. Das Elend nicht auch noch verdoppeln durch Nacherzählen. – Du hast noch nicht alles versucht. - Was habe ich noch nicht versucht? - Du glaubst noch an das Plotten. – Glaube ich an das Plotten? – Jemand muss etwas unbedingt wollen und wenn es nur ein Schluck Wasser ist. Und eine andere Person muss ihm diesen Schluck Wasser verweigern. Konflikt. Kampf. Verstrickung. Krise. Reifeprozess der Persönlichkeit des Durstigen. Finden des Elixiers. Ergreifen des Schwerts. Kampf mit den Mächten des Bösen. Triumph. Löschen des Dursts. - Paradigma. Grundmuster des filmischen Erzählens. Muster. – Und wenn das der Käfig ist? Das Muster. Und der Zwang, Charaktere zu erfinden, die in das Muster passen, sie zurecht zu biegen, statt sie zu beobachten. - Cindy will Versorgung erster Güte. Hängt sich deshalb an Männer, die ihr das bieten können und alle sympathisch sind, aber alles Deppen. Der Bohlen-Depp. Der Silberrücken-Depp. Der Depp mit Herz, der sie emotional versorgen kann und alles andere wird sich dann finden. Denn nur die Liebe zählt. Und um 22 Uhr 05 rinnen die Tränen bei dieser Einsicht und der Job des Drehbuchautors ist es gewesen, wieder einmal eindrucksvoll und bewegend illustriert zu haben, was sowieso schon jeder denkt. – Das ist der Käfig. Das ist die Aldi-Plörre. – Vom Käfig erzählen? Von der Aldi-Plörre erzählen? Vom Sitzen im Käfig erzählen? Vom Saufen der Plörre erzählen? Statt im Käfig zu sitzen. Statt die Plörre zu saufen.
Samstag, 25. September 2010
Sonntag, 19. September 2010
Faul
Heute mal faul sein wäre nicht schlecht. Aber was dann machen? – Lesen? – Was? – Den neuen Pynchon? Inherent Vice. Habe ich nicht da. – Das alte Biest aufräumen? Umzug des Blogs vorbereiten? Und heute mal nicht posten? - Der Text gestern war zu lang. Viel zu lang. Zweiteiler wäre besser gewesen. Aber übertrieben. So wichtig war es auch wieder nicht. Oder doch? - Und wenn, wer soll das lesen? Für wen, der nicht dabei war, ist das interessant? – Für wen ist das überhaupt interessant, was ich hier schreibe? – Ungläubige Miene der Gesprächspartner neulich, als ich sagte, ich schaue nicht nach, wie viele Leute den Blog lesen – wie viele page impressions ich täglich habe. Es interessiert mich nicht. Was nicht heißt, dass es mir egal ist. Natürlich will ich möglichst viele Leser haben. Aber kümmern darum will ich mich nicht. Weil ich nicht in Überlegungen rein kommen will, wie ich Leser kriege und behalte. Wäre auch zu dämlich: Ich veröffentliche mein Leben und dabei nehme ich mir vor, ich will damit eine Million Leser kriegen, und als nächstes überlege ich mir dann, wie ich mein Leben massenkompatibel, marktkonform machen kann. Von der Veröffentlichung meines Lebens zur Vermarktung meines Lebens,. Mich verkaufen, mich interessant machen. Nachdem das mit der Contessa meines Herzens nicht geklappt hat, ein neues Handlungsziel aufstellen. Jetzt aber richtig! Zum Beispiel sagen: Mein Geld reicht noch bis Anfang Dezember und wenn bis dahin nichts passiert finanziell, dann ist es aus. Aus mit mir. Weil Hartz IV-Empfänger werde ich nicht. Wenn sich die Frau von der Leyen mit dem Basisgeld-Wording durchgesetzt hätte, das hätte ich mir gefallen lassen. Basisgeld hätte ich genommen. Aber Hartz IV? Nä! Das nehme ich nicht. Heißt, dann werde ich mir mein Leben nicht mehr leisten können, dann beende ich es. Und dann veröffentliche ich jeden Tag den Zustandsbericht. Ticking clock: Man glaubt es gar nicht, wie schnell die Tage und Wochen vergehen und zweieinhalb Monate rum sind. Wie fühlt man sich da? Was für Vorbereitungen werden getroffen? - Sensationsberichterstattung über mein Leben. – Aber ist das auch genug Fallhöhe? wie wir Dramaturgen fragen. Ich könnte doch im letzten Moment, wenn ich schon die Wohnung ausgeräumt und besenrein gemacht habe und jetzt eigentlich nur noch springen muss, hoch genug gelegen ist sie, meine Wohnung, ich könnte doch im letzten Moment meinen Stolz überwinden und mir sagen, das ist Kitsch, das ist mir zu pathetisch. Und überhaupt, was ist das für ein Vorurteil, das ich habe gegen Hartz IV-Bezieher? Fühle ich mich etwa als was Besseres. Und dann schlappe ich dahin, wo man die Anträge stellt und ziehe mir eine Nummer und lerne Berlin noch mal auf eine ganz andere Art kennen. Dann muss ich darüber schreiben und schon ist es wieder vorbei mit den sechsstelligen page impressions. – Oder noch mal anders: Ich will mich gar nicht umbringen. Weil ich weiß, dass das bei mir nicht klappen würde beim ersten Mal. Weil ich ein slow learner bin, wie die Tess sagen würde. Bei mir klappt alles immer erst beim zweiten Mal. Und bei einem Sprung aus dem fünften Stock ist das keine gute Perspektive, wenn es erst beim zweiten Mal klappt. Selbstmord kommt für mich deshalb nicht in Frage. Ich tue nur so. Ich mache das alles nur für die page impressions. Dann ist es allerdings aus mit der Authentizität im Blog. Dann ist das wie Plotten für das Privatfernsehen. Déformation professionelle im Endstadium. Es sei denn, ich ziehe mir noch eine zweite Ebene ein: Ich mache das als soziales Experiment. Soziale Skulptur, wie es beim Beuys hieß. Ich mache es, um die Leute etwas mit sich selbst erleben zu lassen und dabei beobachte ich sie, wie sie auf meinen angekündigten Selbstmord reagieren. Plotten in der Realität. Das Publikum ist der Protagonist. Nur mal so als Idee. Vielleicht fällt mir noch was Besseres ein zu diesem Muster als die Bettler-Nummer: Aufmerksamkeit! Nur eine kleine Aufmerksamkeit! Nur fünf Minuten! Oder einfach nur die Anzeigen anklicken, ihr müsst mein Zeug gar nicht lesen. Ist sowieso zu lang. Jetzt schon wieder. Ich höre auf.
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