Samstag, 2. Oktober 2010

Rivale

Was habe ich eigentlich gegen den Vermieter von der Tess? Für die Rivalität wäre es doch ausreichend, wenn ich ihm wünsche, dass ihm die Tess wegläuft und dann am besten zu mir. Da muss ich ihn nicht auch noch schlecht machen. Für die Rivalität wäre es sogar nützlicher, wenn ich ihn zumindest neutral sehen würde, um ihn besser einschätzen zu können und um die Tess besser zu verstehen. Denn sie ist nun mal mit ihm zusammen. Also muss es etwas geben, was ihr an ihm/bei ihm gefällt oder einmal gefallen hat. Was? – Wenn er so ist wie der Klang seiner Stimme vermuten lässt, wenn er sich am Telefon meldet, dann hat er ein angenehmes, sympathisches Auftreten. Zweimal gehört seine Stimme, als ich anrief, und er dran war. Einige Male mehr gehört auf dem Anrufbeantworter: …Wir sind leider nicht zu Hause. Wenn Sie uns … . – Das ist eine weit verbreitete dämliche Formulierung in AB-Ansagen: leider nicht zu Hause. Denn was soll´s? Die Anrufer werden wohl kaum erwarten, dass er so oft wie möglich zu Hause ist, um ihre Anrufe entgegennehmen zu können. Aber das sagt nichts über ihn, dass er diese Formulierung gewählt hat. Nur, dass er über so etwas nicht nachdenkt, weil er anderes im Kopf hat oder weil er nicht so penibel ist wie ich zum Beispiel. – Was weiß ich noch über ihn? – Wie er aussieht: jungenhaft, obwohl bestimmt auch schon Mitte 40. Kopf größer als ich. Halblange schwarze Haare. Viele Haare. Unverbrauchtes Gesicht. Symmetrische Gesichtszüge. Hübsch. Einziger Makel: die kleinen Augen. Aber die können eine Frau auch an die Knopfaugen des Teddybärs erinnern, den sie so lieb hatte, als sie noch ein kleines Mädchen war. – Was er beruflich macht, weiß ich auch. Hochschullehrer. Mehr darüber nicht wegen der Anonymität, die gewahrt bleiben soll. – Aussehen, Beruf, Status. – Was dabei, weswegen ich was gegen ihn haben könnte? Neid? – Jungenhaft war ich selbst lange. Hübsch auch. So lange, dass es für das Selbstbewusstsein reicht für den Rest meines Lebens. Und seinen Job, den wollte ich nicht machen. Das geregelte Einkommen. Hätte ich auch gerne. Aber deswegen bin ich nicht neidisch. Da hätte ich viel zu tun, wenn ich auf jede mir bekannte Person neidisch sein wollte, die ein geregeltes Einkommen hat. – Eindrücke, die ich von ihm habe. Drei Eindrücke vor allen anderen. Zwei Eindrücke aus der Zeit vor der Tess. Vor der Zeit der Rivalität. Der dritte Eindruck vom September letzten Jahres. Da ist mir überhaupt erst klar geworden, dass er ein Rivale ist. Doch da es damals einen solchen Streit gab zwischen ihm und der Tess, dass ich sie bis hier rüber schreien hörte, und sie sich dabei getrennt haben, schien er als Rivale auch gleich wieder ausgeschieden zu sein. – Der Streit, bei dem die Tess so laut geschrieen hat, war am 15. September. An einem Dienstag. Das habe ich mir gemerkt; ich verheimliche warum. - Vor kurzem habe ich mich an die Szene erinnert. Im Zusammenhang mit dem Text Paar. Ursprünglich wollte ich diesen Text fortsetzen mit der Erinnerung an diese Szene zwischen den beiden. Nachdem mir der Text Paar jedoch überhaupt nicht bekommen ist, habe ich die Idee wieder aufgegeben. Doch die Erinnerung ist geblieben. Der einzige Satz, den ich verstanden hatte damals von dem Geschrei der Tess war der höhnische Ausruf von ihr: Oh yeah, I had my fun! – Da habe ich mich gefragt, was hat er da vorher gesagt, wenn sie im Streit antwortet in höhnischem Ton und hinterher übrigens eine Tür zuschlagend: Oh yeah, I had my fun! – Das ist nicht schwer, diese Frage zu beantworten. Er hat gesagt: You had your fun. Und da habe ich mich gefragt, was ist das für ein Mann, wenn er sagt in einem Streit mit einer Frau: Du hast deinen Spaß gehabt. Oder: Du hattest dein Vergnügen. Und was für eine Art von Streit kann das gewesen sein? Doch vor allem: Was ist er für ein Mann? Und wie steht er zu ihr, wenn er diesen Satz sagt? – Nun ist das kein so schlimmer Satz. Auf jeden Fall ein weit verbreiteter Satz. Nur, ich habe das mal überprüft in meiner Erinnerung, ich habe diesen Satz noch nie gesagt zu einer Frau. Womit ich nicht unterstellen will, dass ich ein besserer Mann bin als er. Ich bin ein schlimmer Mann. Nur anders schlimm oder überhaupt eine andere Art von Mann, als er ein Mann ist. Was für eine Art von Mann? – Von dieser Frage und diesem Eindruck kam ich auf die anderen zwei Eindrücke, die mein Bild von ihm formiert haben, und darauf, die drei Eindrücke einmal zusammen zu betrachten. Doch dann habe ich mich gleich wieder gefragt, ob es gut für mich ist, mich darauf einzulassen und dabei am Ende nicht nur was über ihn rauszukriegen, sondern unvermeidlich auch der Tess dabei nahe zu kommen auf eine Art, wie ich es lieber nicht möchte. Außerdem steht dagegen: Es ist Nacherzählung. Das allerdings nur, wenn ich die gleiche Haltung einnehme wie bisher. Wenn ich mich hingegen selbst beobachte beim Schreiben und meine Gehässigkeit ihm gegenüber wenigstens in Frage stelle, indem ich mich durchgängig frage, was ich eigentlich gegen ihn habe, obwohl ich ihn gar nicht näher kenne und es nicht nötig wäre, etwas gegen ihn zu haben, dann ist das neu, aktuell, striktes Präsens. Eine Aktion in der Gegenwart. Und vielleicht sogar eine Aktion mit einer Perspektive über den Text hinaus. Ausgang offen. Fortsetzung folgt.

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