Dienstag, 19. Oktober 2010

Verabredung 2

Es kann natürlich auch sein, dass sie genauso wie ich gedacht hat: Heute! Und ab jetzt ist alles ganz einfach. Aber dann hat sie der Mut verlassen. Sie hat sich nicht getraut, runter zu kommen und mich zu treffen vor der Tür. Hat dann vielleicht die Hoffnung gehabt, dass ich läuten würde, nachdem ich gemerkt habe, dass sie nicht kommt. Dass ich den Mut hätte, zu läuten und sie abzuholen. Was ich auch getan hätte, wenn ich nicht auf einmal das Gefühl gehabt hätte, dass etwas nicht stimmt – dass ich in eine Inszenierung hinein tappen würde, die darauf zielt, mich in die Irre zu führen.
Eine zweite Möglichkeit, die geplatzte Verabredung zu erklären, ohne eine böswillige Absicht zu unterstellen: Die Tess wollte mich bremsen. Sie wollte mich runterholen von meinem Aktionismus, indem sie mich wieder mal ins Leere laufen ließ und mir damit zeigte: Was du dir vorstellst, das geht nicht. Das kann ich nicht, das will ich nicht. Ich wohne hier mit einem Mann zusammen. Da bin ich, da bleibe ich. Du bist der Mann auf der anderen Straßenseite, der verrückt nach mir ist. Du schreibst mir, ich lese es und zeige dir dafür mein Licht. – Er ist mein Mann, du bist mein Seelenmann, und ich liebe dich auch. Sehr. Ich will nicht ohne dich leben. Deshalb zerstöre es nicht, was wir haben. Hör auf mich treffen zu wollen. Sei ein lieber Seelenmann und schreibe mir weiter und liebe mich weiter und dafür liebe ich dich auch mit meinem Licht. Aber mehr kann ich dir nicht geben, denn ich habe schon einen Mann.
Wenn ich betrachte, wie sich die Tess in den letzten Tagen verhalten hat, wie sie mir Präsenz zeigt und ihr Licht zeigt, dann spricht viel für diese Annahme, dass sie mir mit der geplatzten Verabredung nur die Grenzen des zwischen ihr und mir Möglichen zeigen wollte. Dass sie es also nur gut mit mir meinte – und mit uns.
Doch was hatte der Professor verloren in diesem Szenario? – Der Professor, der am Fenster stand, als ich rüberschaute. Da stand und telefonierte und zu mir herblickte und dabei feixte. Was offenbar seine Art von Humor ist, das Feixende. Das habe ich nicht zum ersten Mal gesehen von ihm. Am Abend der Verabredung habe ich es wieder gesehen und letztlich hat es verhindert, dass ich geläutet habe, weil ich das Feixen für einen Hinweis hielt darauf, dass etwas nicht stimmte. – Es ist allerdings auch denkbar, dass seine Präsenz ein Teil des Gutmeinenden war. Teil des Schauspiels, das die Tess mir vorführte mit der geplatzten Verabredung. Don´t say it show it! Schau hier, da ist er, der Mann, mit dem ich zusammenlebe. Er ist zu Hause. Er ist im Wohnzimmer und telefoniert. Und jetzt, schau, jetzt ist er in dem kleinen Zimmer neben dem Wohnzimmer, in dem sein PC steht. Davor sitzt er jetzt und macht seine Internet-Sachen. Siehst du das?
Das würde voraussetzen, dass sie ihre Aktion mit dem Professor koordiniert hat. Dass er nicht nur weiß von ihrem Kontakt mit mir, sondern dass er auch einverstanden ist damit, dass sie diesen Kontakt hat – immer unter der Voraussetzung, es bleibt beim Schreiben, Lesen und dem Licht, aber ein Treffen gibt es nicht, auf gar keinen Fall. Und damit das so bleibt, hilft er ihr dabei, mir das klar zu machen. – Auch das ist eine Vorstellung, die mir plausibel erscheint. Viele meiner Beobachtungen aus dem vergangenen letzten Jahr passen mit dieser Vorstellung zusammen.
Aber wie soll das dann gelaufen sein zwischen den beiden? – Hat sie das irgendwann ausgehandelt mit ihm? - Bitte habe Verständnis dafür, dass ich mich langweile mit dir und dass mir das Fernsehen als Ablenkung nicht mehr reicht. Deshalb akzeptiere, dass ich mir da drüben meinen Seelenmann halte und dass dir das nichts nimmt. Was ich mit dem habe, das kannst du sowieso nicht und das interessiert dich auch nicht. Und das, was ich mit dir mache, das mache ich nicht mit ihm, weil ich das schon mit dir mache. – Darauf wird es kaum so gewesen sein, dass er stumm genickt hat und fein gelächelt und sich gefreut darüber, wie gut seine Freundin zurecht kommt im Leben. Es ist auch unwahrscheinlich, dass sie ihm das so gesagt hat. Trotzdem spricht vieles dafür, dass es eine solche – Absprache ist das falsche Wort –, eine solche Übereinkunft zwischen ihnen gegeben hat. Übereinkunft eines Paares, das ich mir gar nicht weiter vorzustellen brauche, nur so viel: die Frau holt sich beim Seelenmann, was ihr der Lebensgefährte nicht gibt. Und der Lebensgefährte hat sich damit abgefunden und merkt inzwischen auch, wie es ihn entlastet, wie es der Frau gut tut und wie es ihnen auch als Paar gut tut. Wie es für Abwechslung sorgt und ihnen sogar Erlebnisse von Gemeinsamkeit verschafft – wenn es wieder mal darum geht, den Seelenmann davon abzuhalten, Realitäten schaffen zu wollen.
Es gibt auch Beobachtungen, die sich nicht in dieses Bild fügen, und trotzdem erscheint es mir als das plausibelste. Das heißt allerdings nicht, dass ich das, was ich an dem Abend der geplatzten Verabredung geargwöhnt habe, als Deutungsmöglichkeit ausschließen will. Denn es könnte auch so sein: Die Tess hat sich in einer romantischen Verspieltheit mit mir auf etwas eingelassen, was der Professor zunächst zähneknirschend geduldet hat und was ihn vielleicht sogar amüsiert hat, weil er dafür, dass er hinnehmen musste, dass er mich als Nebenbuhler hatte in der Rolle des Seelenmanns, entschädigt wurde damit, dass er meine Deppenhaftigkeit miterleben konnte. Deppenhaftigkeit, derer ich mir lange nicht bewusst war, nicht sein konnte, denn das gehört zur Deppenhaftigkeit dazu, dass man ihrer nicht bewusst ist. Zu meiner Deppenhaftigkeit gehörte aber auch meine Hartnäckigkeit und gehörte, dass ich ab irgendwann meine Deppenhaftigkeit öffentlich gemacht habe. Damit hat sich das romantische Spiel der Tess verselbständigt. Denn von nun an war für den Professor zu fürchten, dass ich irgendwann durchdrehe und nicht mehr seine Anonymität wahre. Dass ich seinen Namen nenne in meiner Veröffentlichung der Geschichte – dass sein Name im Internet verknüpft wird mit der Geschichte vom Seelenmann seiner Freundin/Lebensgefährtin und der Rolle, die er darin spielte aus meiner Sicht. Das musste dann auch die Tess erkennen, dass diese Gefahr besteht, dass sie mit ihrer romantischen Verspieltheit dem Professor schaden könnte, indem das Googlen seines Namens zu dieser merkwürdigen Geschichte führt. Deshalb hat sie sich mit dem Professor einen Plan zurecht gelegt, um mich nicht nur ein für alle Mal abzuwimmeln, sondern mich so irre zu machen an mir selbst und meiner Wahrnehmung der Geschichte, dass ich mir selbst nicht mehr trauen kann und aufgebe – aufgebe, weiter hinter ihr her zu sein und weiter über sie, den Professor und meine Geschichte mit ihr zu schreiben. – Das ist sehr weit hergeholt. Evidenzen gibt es dafür nicht. (Noch nicht. Es wird eine Evidenz geben, wenn ich diesen Text gepostet habe.) – Der einzige tatsächliche Anhaltspunkt dafür ist: Wenn der Professor fürchten sollte, dass ich ihm schaden könnte, dann ist das eine begründete Furcht. Begründet in meiner Feindseligkeit und meiner Wut gegen ihn, wie ich sie zuletzt entwickelt habe an dem Abend der geplatzten Verabredung. Begründet oder einem eingespielten Reflex folgend, weil ich das schon seit einem Jahr mache, meine aus Enttäuschung und Frustration resultierende Aggressivität gegen ihn zu richten. Immer gegen ihn und niemals gegen die Tess. Weil ich gegen die Tess nicht aggressiv sein kann; es gelingt mir nicht, ich habe es versucht; ich kann es nicht, ich will es nicht. Also ist das Ziel meiner Aggressivität der Professor. Wahrscheinlich zu Recht. Aber muss ich deswegen feindselig sein gegen ihn? – Wenn ich es mir überlege, nein. – Wenn ich meinen Impulsen folge, oh ja. – Deshalb habe ich mir nach dem Abend der geplatzten Verabredung lange überlegt, ob ich seinen Namen nennen soll. Schreiberisch wäre es auf jeden Fall angebracht und besser gewesen. Denn sein Name am Klingelbrett, groß, unter dem Namen seiner Ex-oder-Noch-Frau, klein, gehörte zur Situation, wie sie beschrieben ist in den Notizen zum Abend der geplatzten Verabredung; mein Bemerken der Veränderung der Namensschilder wird nur verständlich mit den Klarnamen. Ich gebe zu, dass ich zwei Tage brauchte, um mich abzubringen davon, es zu tun, seinen Namen zu nennen. Der Grund, weshalb ich mich dagegen entschieden habe, ist  das Standardargument meiner Gutartigkeit: Ich will nicht der Typ sein, der so etwas macht. – Ganz unbefriedigt will ich meine Bösartigkeit aber auch nicht lassen. Ich habe eine Lösung gefunden, die sowohl meine Bösartigkeit befriedigt als auch das Beste für mich ist. Ich werde mich rausnehmen aus dem romantischen Spiel der Tess. Damit sind die Tess und der Professor als Paar wieder ganz auf sich gestellt. Kein Seelenmann mehr, der für Ablenkung und Entlastung sorgt. Und nach allem, was ich gesehen habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass das den beiden gut tut.

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