Montag, 16. August 2010

Brief 3

Fünftes Kapitel: Schöne Menschen haben viele Gesichter. Morgengesichter, Nachmittagsgesichter. Geschminkt, ungeschminkt. Gesicht auf Postamt. Gesicht im Supermarkt. Gesicht hinter dunkler Sonnenbrille. Gesicht beim Berlin-Marathon. Gesicht auf dem Invaliden-friedhof. Gesicht im Vorbeifahren mit dem Fahrrad. Gesicht, das von langen Haaren verdeckt ist. In unserem Roman allen Gesichtern gemeinsam ist die Undurchdringlichkeit ihres Ausdrucks. Alle sind sie Pokergesichter. Aber, um Michael Jackson zu variieren: I´m a lover not a gambler. Und ich bin dermaßen überfordert von Deiner Vielgesichtigkeit, dass ich Dich immer nur im Nachhinein erkenne. Dann bin ich jedes Mal völlig außer mir, wieder versagt, wieder eine Gelegenheit vermasselt zu haben. Schlimm, schlimmer geht´s nimmer, am vergangenen Dienstag in dem McGeiz-Laden, in den ich der Frau gefolgt bin, von der ich erst meinte, das bist Du, dann aber dachte, nein, das ist sie nicht, und wieder erst im Nachhinein erkannt habe: doch, das warst Du. Aufgrund der Umstände musst es Du gewesen sein. Als mir das klar wurde, habe ich es kaum ausgehalten. Nicht mein Versagen, sondern was ich Dir damit antue, wenn ich da auftauche, Dich kurz angucke und mich dann abwende und weggehe (und das, nachdem ich Dich zu dem Treffen auch noch ermutigt habe; wenn es so war).

Später frage ich mich, was ist das, was mache ich da, warum stelle ich mich so an? Warum erkenne ich sie nicht? Ist da noch was anderes im Spiel? – Vielleicht das: Verliebtheit (nicht Liebe) ist ja auch etwas Grausames. Wir machen uns ein Bild von einer Person oder legen sie auf ein Bild von ihr fest und verehren, bewundern sie dafür. Und wehe, wenn sie dem Bild nicht entspricht; dann verlassen wir sie oder wir versuchen, sie so zu verändern, dass sie zu unserem Bild passt. - Habe ich mich verliebt in diese morgendliche Hallenbad­erscheinung von Dir und mit Deiner anderen, Deiner Alltagserscheinung kann ich nichts anfangen? Muss ich nur den Mut haben, mir das einzugestehen? – Ich habe es ausprobiert, diesen Mut zu haben, mir das einzugestehen. Zerknirscht genug über mich war ich. Aber es ist mir nicht gelungen. Denn das ist es nicht. Auch wenn Du mir mit Deinem ungeschminkten Morgengesicht so gut gefallen hast, Dein geschminktes Nachmittagsgesicht hat mir auch gefallen - wie mir noch bisher alles an Dir gefallen hat. Bis auf das weiße Cape und bis auf – jetzt kommt es, was ich dann auf einmal erkannt habe und weshalb ich Dir diesen Brief schreibe: Du könntest mir noch Hunderte solcher Gelegenheiten geben wie die bei McGeiz oder im Supermarkt, ich kann damit nichts anfangen. Deshalb zickt und spukt es aus den tieferen Schichten meines Bewusstseins. Deshalb die Begriffstutzigkeit und die Blödsichtigkeit. Das ist es, wozu ich den Mut haben muss, es mir einzugestehen und den „unzarten“ Mut, es Dir zu sagen: Ich kann mit den Gelegenheiten, die Du mir anbietest, Dich kennenzulernen, nicht umgehen – weil ich damit nicht umgehen will.

Du weißt, dass ich mich für Dich interessiere. Du willst mir eine Chance geben, mich bei Dir vorzustellen. Ich weiß, dass Du mir diese Chance geben willst. Aber Du zeigst es mir nicht. Kein Lächeln des Erkennens, überhaupt kein Zeichen des Erkennens. Obwohl Du Deinerseits registrierst, dass ich stutze, mir unsicher bin, und Du deshalb wie im Supermarkt Dir auch schon mal die Löckchen ins Gesicht streichst, die Du sonst auch unter Deiner Badekappe hervorschauen lässt. – Genauso wie ich weiß, dass Du nur in den bescheuerten McGeiz-Laden gegangen bist, damit ich Dir folgen und meine Bewerbung bei Dir abgeben kann. Nur, wie soll die jetzt aussehen, meine Bewerbung? Was soll ich sagen? Soll ich jetzt so tun, als wäre das aber mal ein glücklicher Zufall. Soll ich darüber schwadronieren, was das wohl bedeutet, dass wir uns ausgerechnet bei McGeiz treffen, oder soll ich feststellen, dass das hoffentlich nichts zu bedeuten hat für unsere Zukunft, dass wir uns ausgerechnet bei McGeiz treffen (obwohl passend, weil mir geht es finanziell wirklich gerade nicht so dolle, und trotzdem würde ich sonst nie und nimmer einen Fuß über die Schwelle dieses bescheuerten Ladens setzen, und Du sicher auch nicht). Contessa! Das ist doch eine total künstliche Situation. Völlig retro. Wobei ich gar nicht weiß, welches Jahrzehnt oder Jahrhundert. Vielleicht wäre es einfacher, wenn wir die passenden historischen Kostüme tragen würden. Jedenfalls müsste ich ein Schauspieler sein, um mit diesem Szenario umgehen zu können, ohne mich lächerlich zu machen. Und das wirst Du ja wohl kaum wollen, dass ich mich lächerlich mache.

Können wir uns nicht in realen Situationen begegnen? Im Schwimmbad am Sachsendamm zum Beispiel – und vielleicht erst mal über das untertemperierte Wasser dort reden und dass man sich allerdings schnell warm schwimmen kann? Oder auf der Straße (ich habe Dich noch nie in das Haus gegenüber hineingehen oder aus dem Haus herauskommen sehen), uns zuwinken oder auch nicht, auf jeden Fall aufeinander zugehen und uns begrüßen wie zwei Bekannte, die wir schließlich sind nach allem, was wir inzwischen zusammen erlebt und nicht erlebt haben? Und miteinander reden und wenn es uns gefällt, miteinander zu reden, uns mal zu treffen, und wenn uns das auch gefällt, Freunde zu werden oder mehr oder weniger oder oder oder. – Vorausgesetzt, Du willst nach diesem Brief noch mit mir reden und mich treffen, dann könnten wir unseren Weg aufeinander zu auch abkürzen. Indem Du mir Deine Mail-Adresse mitteilst. Oder mich vielleicht sogar anrufst. - Du merkst, Zeichen der Erschöpfung: Ich fange an zu tagträumen.

Sonntag. Ich sehe durch, was ich gestern geschrieben habe, und mache es lesbar. Merkwürdige Geschichte. Merkwürdiger Brief. Ein Liebesbrief, kaum zu glauben. Obwohl ich mich so lange, so sehr mit Dir beschäftigt habe, weiß ich im Grunde genommen gar nichts von Dir. Habe nicht die geringste Vorstellung, wie Du das aufnehmen wirst, wenn Du das liest, oder wie Du reagieren wirst, wenn ich morgen oder übermorgen vor Dir stehen werde, um Dir den Brief zu geben.

Hoffe, Du hast Humor. Hoffe, wir erleben zusammen noch ein weiteres Kapitel. Hoffe, meine beiden größten Wünsche gehen noch in Erfüllung: Deinen Namen zu erfahren. Und Dich irgendwann zu umarmen
Wolfgang

Montag. So lang und langwierig der Brief geworden ist, ich habe Vieles weggelassen: Zum Beispiel den schwarzweißen Badeanzug, mit dem Du überrascht hast, als das rote Top auszubleichen begann, und den Du Dir so gut ausgesucht hast. Oder den Moment in der Akazienstraße, als Du im Vorübergehen über die Schulter blickend mich beobachtet hast, wie ich Dir hinterher gucke und Deine Beine bewundere, und wie Du dann rasch Deinen Blick abgewandt hast, als ich hoch schaute, um zu sehen, wer da so schöne Beine hat. Oder als Du eines Morgens direkt vor mir aus dem Wasser geschossen bist, so dicht vor mir, dass ich die Wärme Deines Gesichtes spüren konnte, doch statt Dich zu schnappen und zu umarmen, einfach nur verdutzt war. Und was für eine glückliche Zeit das war, im Frühling in Dich verliebt zu sein.

Für den Tagtraum:
(Mail-Adresse)
(Telefonnummern)

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