Montag, 30. August 2010

Panik 2

Kirchhof Jerusalem. Beerdigung. Panik. Ich habe es mit der Angst zu tun gekriegt, als die Cinderella neben mir stand vor dem Grab. Zugleich war ich immer noch überrascht von ihrem offensichtlichen Interesse an mir. Sie hat mir auch gefallen. Ich habe es auch als schmeichelhaft empfunden, dass sie so auf mich angesprungen ist, dass ich zuvor in der Andachtshalle, wo sie auf der anderen Seite des Ganges saß und ständig zu mir herschaute, den Eindruck hatte, sie hätte sich mir am liebsten auf den Schoß gesetzt. Keine Übertreibung. Nicht nur ich habe das gesehen, auch die Gertrud, die neben mir saß, die hat es auch bemerkt und deswegen eine Miene gemacht zu mir her. Und wenn es nicht die Beerdigung von dem Alexander gewesen wäre, der gerade mal Anfang 30 an metastasiertem Hautkrebs gestorben ist, und wenn ich nicht gedacht hätte, das passt doch jetzt alles gar nicht, ich will jetzt an den Alexander denken und lieber den Taewoo angucken, der auf der anderen Seite neben mir stand vor dem Grab und der mal wieder völlig überfordert war von dem Trauerakt– wenn das nicht gewesen wäre, dann hätte ich mir auch ausgemalt, wie das sein könnte mit der blonden jungen Frau, und als nächstes hätte ich mir überlegt, wie ich es anstellen soll, dass es so bald wie möglich passiert. Ansatzweise habe ich das auch so gedacht, doch das beherrschende Gefühl war Panik: Was will die von mir?! Was mache ich denn jetzt nur?! Für wen hält die mich? Die sieht doch jemanden in mir, der ich überhaupt nicht bin. Die sieht meinen Mantel von der Firma Joop mit 20 Prozent Kaschmiranteil, den ich mir im Jahr zuvor bei vorübergehend ausgeglichenem Kontostand gekauft habe, nichts Besonderes, aber eben auch nicht lumpig und nicht so abgeschabt wie zum Beispiel ihrer. Die sieht einen Mann in den sogenannten besten Jahren in einem Mantel, der aussieht wie aus Kaschmir, und mit Schuhen, mit Ledersohlen und mit Handschuhen aus Leder und einem Schal aus Kaschmir. Keine Elendsgestalt wie die meisten anderen Trauergäste, die anderen Freunde und Bekannten von Alexander. Jemand, der was hermacht – was ich schon mein Leben lang schaffe, dass ich etwas hermache und, ohne das zu wollen, immer auf die Leute wirke, als hätte ich es nicht nötig. Und ein Typ in den sogenannten besten Jahren, der nicht daher kommt wie eine der in Kreuzberg weit verbreiteten Elendsgestalten, der kann nur einer sein, der es geschafft hat im Leben. Und wenn der interessiert nach einer jungen Frau schaut, so wie ich es getan hatte draußen vor dem Friedhof, als ich zusammen mit Gertrud ankam, wenn so ein Typ interessiert nach einer jungen Frau guckt, dann kann der ihr auch was bieten. Und dass sie meinen interessierten, aber intentionslosen Blick so lebhaft erwiderte, dass sie mir nun nicht mehr von der Seite wich, war für mich nur damit zu erklären, dass sie in mir jemanden sah, der einer jungen Frau etwas zu bieten hat. Und weil das aber einfach nicht der Fall war, weil ich mich gerade mal wieder am Rande der Mittellosigkeit bewegte, und sie täuschte mit meinen besseren Schöneberger Klamotten, kam ich mir vor wie ein Hochstapler. Ein Hochstapler wider Willen. Für sie aber faktisch ein Hochstapler. Weshalb auch klar war, dass ich nichts, nicht das Geringste tun durfte, um diese Täuschung fortzusetzen. Dass es überhaupt nicht in Frage kam, auf sie einzugehen oder sogar mich mit ihr einzulassen. Was es noch viel schlimmer machte, dieser Hochstapler zu sein, der ich für sie war. Weil nichts hätte ich lieber getan, als mich mit ihr einzulassen. Wie leicht das gewesen wäre, zeigte sich, als wir zusammen vom Grab weg zum Ausgang des Friedhofes gingen und ohne Umstände miteinander redeten und uns beiläufig Hinweise gaben, wo und wie wir uns finden konnten, falls wir nun gleich auseinander gehen würden. Was wir dann taten. Nicht ihretwegen, sondern meinetwegen. Weil ich weggehen musste, da ich es nicht über mich brachte, der Hochstapler zu sein, zu dem sie mich gemacht hatte in ihrer Naivität. Weil ich es es nicht fertig brachte, ihr die Enttäuschung zu bereiten, mich ihr als der zu zeigen, der ich bin - und dann ihre Enttäuschung mit ansehen zu müssen.

Donnerstag, 26. August 2010

Neorealismus

Rossellini reinforced a trait already evident in Renoir: the desire to stay as close to life as possible in a fiction film. Rossellini even said that you shouldn’t write scripts—only swine write scripts—that the conflict in a film should simply emerge from the facts. A character from a given place at a given time is confronted by another character from a very different place: and voilá, there exists a natural conflict between them and you start from that. There’s no need to invent anything. I’m very influenced by men like Rossellini—and Renoir—who managed to free themselves of any complex about the cinema, for whom the character, story, or theme is more important than anything else.

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Freitag, 20. August 2010

Congratulations

Kann sein, dass die Contessa heute Geburtstag hat. Dann: Happy Birthday, Tess! Herzlichen Glückwunsch, und was immer Du Dir erträumst, es soll in Erfüllung gehen. Ob ich darin eine Rolle spiele oder nicht. Obwohl es schon besser für Dich wäre, wenn ich darin vorkäme, weil es ganz sicher niemanden auf der weiten Welt gibt, der Dir so hartnäckig hinterher läuft wie ich, und ganz gleich, in welche strahlende Zukunft Du gerade gehst, so einen Bewunderer wie mich solltest Du unbedingt dabei haben, weil es auch in der strahlendsten Zukunft mal einen schattigen Tag gibt, und wer könnte Dir dann hilfreicher sein als so ein hartnäckiger Bewunderer. – Ende der Glückwünsche. Ende der Bewerbung. Mehr, wenn ich es Dir direkt sagen und Dich dabei ansehen und Dir zuschauen kann, wie du atmest und Deinen großen Mund missbilligend verziehst, wenn Dir etwas nicht passt, was ich sage. Wie gerne würde ich die mal wieder sehen, Deine Missbilligung, und nicht immer nur erahnen, wenn ich an Dich schreibe und mir denke, das gefällt ihr jetzt ganz bestimmt nicht, und gerade deshalb lasse ich es stehen. „Dachte“ und „ließ“ ich es stehen muss es eigentlich heißen. Denn das Schreiben an Dich ist vorbei. Trotz der Rückfälle, die es immer wieder gibt und diese Woche wieder gegeben hat; gerade die Rückfälle zeigen, dass es vorbei ist. Das ganze Gegenüber-Szenario ist vorbei Auch wenn es mir immer noch einen missglückten Tag retten kann, wenn Du mir Dein Licht zeigst am Abend. Ich lebe nicht mehr darauf hin. Und wenn Du mir Dein Licht nicht zeigst, dann macht mich das nicht unglücklicher als ich es ohnehin schon bin, weil unsere Geschichte nicht weiter geht, da ich sie alleine nicht weiter erzählen kann. Nacherzählen kann ich sie: Was bisher geschah. Was passierte, nachdem es mir nicht gelungen war, Dir den Brief in die Hand zu geben. Wie es dann weiter ging mit den verpassten Gelegenheiten und wie wir uns in das Gegenüber-Szenario verwickelt/  versponnen haben. Vielleicht erzähle ich das auch irgendwann, was für einen herrlichen, am Ende aber auch quälenden Blödsinn wir da zusammen angerichtet haben. Aber noch bin ich nicht resigniert genug, um auf diese Art, unsere Geschichte am Leben erhalten zu wollen. Noch klammere ich mich an die Überzeugung, dass wir sie zusammen weiter erzählen werden. – Und wie komme ich darauf, dass Du heute Geburtstag hast? – Das erzähle ich Dir, wenn ich Dich dabei ansehen und Dir zuschauen kann, wie Du atmest und lächelst - und ich mir sicher bin, dass Du auch wirklich Du bist. 
Dieser Text stimmt nicht. Soll ich ihn streichen oder trotzdem stehen lassen und darüber schreiben als Titel das englische Wort für Förmlichkeit? - Was stimmt nicht an dem Text? - Er ist keine Lüge und trotzdem die Unwahrheit, weil er nicht meinem Empfinden entspricht. Nicht meinem Realitätssinn. Ich glaube nicht mehr daran, dass ich mit Dir reden werde und Dich dabei anschauen kann und sehen, wie Du atmest und irgendwas mit Deinem Mund machst. - Weil ich im Moment so depressiv bin? Oder wegen gestern Abend? Gestern Abend, als Du, wenn ich Dich richtig verstanden habe, von mir verlangt hast, dass ich es dann auch zeigen soll, es mir anmerken lassen soll, wenn mir unsere Geschichte fehlt. - Ich soll Dir also zeigen, dass ich leide, wenn ich leide? - Verdammt, was ist das? Was willst Du? Mich leiden sehen? Warum kommst Du dann nicht einfach her - und sagst wenigstens Guten Tag?! 

Montag, 16. August 2010

Brief 3

Fünftes Kapitel: Schöne Menschen haben viele Gesichter. Morgengesichter, Nachmittagsgesichter. Geschminkt, ungeschminkt. Gesicht auf Postamt. Gesicht im Supermarkt. Gesicht hinter dunkler Sonnenbrille. Gesicht beim Berlin-Marathon. Gesicht auf dem Invaliden-friedhof. Gesicht im Vorbeifahren mit dem Fahrrad. Gesicht, das von langen Haaren verdeckt ist. In unserem Roman allen Gesichtern gemeinsam ist die Undurchdringlichkeit ihres Ausdrucks. Alle sind sie Pokergesichter. Aber, um Michael Jackson zu variieren: I´m a lover not a gambler. Und ich bin dermaßen überfordert von Deiner Vielgesichtigkeit, dass ich Dich immer nur im Nachhinein erkenne. Dann bin ich jedes Mal völlig außer mir, wieder versagt, wieder eine Gelegenheit vermasselt zu haben. Schlimm, schlimmer geht´s nimmer, am vergangenen Dienstag in dem McGeiz-Laden, in den ich der Frau gefolgt bin, von der ich erst meinte, das bist Du, dann aber dachte, nein, das ist sie nicht, und wieder erst im Nachhinein erkannt habe: doch, das warst Du. Aufgrund der Umstände musst es Du gewesen sein. Als mir das klar wurde, habe ich es kaum ausgehalten. Nicht mein Versagen, sondern was ich Dir damit antue, wenn ich da auftauche, Dich kurz angucke und mich dann abwende und weggehe (und das, nachdem ich Dich zu dem Treffen auch noch ermutigt habe; wenn es so war).

Später frage ich mich, was ist das, was mache ich da, warum stelle ich mich so an? Warum erkenne ich sie nicht? Ist da noch was anderes im Spiel? – Vielleicht das: Verliebtheit (nicht Liebe) ist ja auch etwas Grausames. Wir machen uns ein Bild von einer Person oder legen sie auf ein Bild von ihr fest und verehren, bewundern sie dafür. Und wehe, wenn sie dem Bild nicht entspricht; dann verlassen wir sie oder wir versuchen, sie so zu verändern, dass sie zu unserem Bild passt. - Habe ich mich verliebt in diese morgendliche Hallenbad­erscheinung von Dir und mit Deiner anderen, Deiner Alltagserscheinung kann ich nichts anfangen? Muss ich nur den Mut haben, mir das einzugestehen? – Ich habe es ausprobiert, diesen Mut zu haben, mir das einzugestehen. Zerknirscht genug über mich war ich. Aber es ist mir nicht gelungen. Denn das ist es nicht. Auch wenn Du mir mit Deinem ungeschminkten Morgengesicht so gut gefallen hast, Dein geschminktes Nachmittagsgesicht hat mir auch gefallen - wie mir noch bisher alles an Dir gefallen hat. Bis auf das weiße Cape und bis auf – jetzt kommt es, was ich dann auf einmal erkannt habe und weshalb ich Dir diesen Brief schreibe: Du könntest mir noch Hunderte solcher Gelegenheiten geben wie die bei McGeiz oder im Supermarkt, ich kann damit nichts anfangen. Deshalb zickt und spukt es aus den tieferen Schichten meines Bewusstseins. Deshalb die Begriffstutzigkeit und die Blödsichtigkeit. Das ist es, wozu ich den Mut haben muss, es mir einzugestehen und den „unzarten“ Mut, es Dir zu sagen: Ich kann mit den Gelegenheiten, die Du mir anbietest, Dich kennenzulernen, nicht umgehen – weil ich damit nicht umgehen will.

Du weißt, dass ich mich für Dich interessiere. Du willst mir eine Chance geben, mich bei Dir vorzustellen. Ich weiß, dass Du mir diese Chance geben willst. Aber Du zeigst es mir nicht. Kein Lächeln des Erkennens, überhaupt kein Zeichen des Erkennens. Obwohl Du Deinerseits registrierst, dass ich stutze, mir unsicher bin, und Du deshalb wie im Supermarkt Dir auch schon mal die Löckchen ins Gesicht streichst, die Du sonst auch unter Deiner Badekappe hervorschauen lässt. – Genauso wie ich weiß, dass Du nur in den bescheuerten McGeiz-Laden gegangen bist, damit ich Dir folgen und meine Bewerbung bei Dir abgeben kann. Nur, wie soll die jetzt aussehen, meine Bewerbung? Was soll ich sagen? Soll ich jetzt so tun, als wäre das aber mal ein glücklicher Zufall. Soll ich darüber schwadronieren, was das wohl bedeutet, dass wir uns ausgerechnet bei McGeiz treffen, oder soll ich feststellen, dass das hoffentlich nichts zu bedeuten hat für unsere Zukunft, dass wir uns ausgerechnet bei McGeiz treffen (obwohl passend, weil mir geht es finanziell wirklich gerade nicht so dolle, und trotzdem würde ich sonst nie und nimmer einen Fuß über die Schwelle dieses bescheuerten Ladens setzen, und Du sicher auch nicht). Contessa! Das ist doch eine total künstliche Situation. Völlig retro. Wobei ich gar nicht weiß, welches Jahrzehnt oder Jahrhundert. Vielleicht wäre es einfacher, wenn wir die passenden historischen Kostüme tragen würden. Jedenfalls müsste ich ein Schauspieler sein, um mit diesem Szenario umgehen zu können, ohne mich lächerlich zu machen. Und das wirst Du ja wohl kaum wollen, dass ich mich lächerlich mache.

Können wir uns nicht in realen Situationen begegnen? Im Schwimmbad am Sachsendamm zum Beispiel – und vielleicht erst mal über das untertemperierte Wasser dort reden und dass man sich allerdings schnell warm schwimmen kann? Oder auf der Straße (ich habe Dich noch nie in das Haus gegenüber hineingehen oder aus dem Haus herauskommen sehen), uns zuwinken oder auch nicht, auf jeden Fall aufeinander zugehen und uns begrüßen wie zwei Bekannte, die wir schließlich sind nach allem, was wir inzwischen zusammen erlebt und nicht erlebt haben? Und miteinander reden und wenn es uns gefällt, miteinander zu reden, uns mal zu treffen, und wenn uns das auch gefällt, Freunde zu werden oder mehr oder weniger oder oder oder. – Vorausgesetzt, Du willst nach diesem Brief noch mit mir reden und mich treffen, dann könnten wir unseren Weg aufeinander zu auch abkürzen. Indem Du mir Deine Mail-Adresse mitteilst. Oder mich vielleicht sogar anrufst. - Du merkst, Zeichen der Erschöpfung: Ich fange an zu tagträumen.

Sonntag. Ich sehe durch, was ich gestern geschrieben habe, und mache es lesbar. Merkwürdige Geschichte. Merkwürdiger Brief. Ein Liebesbrief, kaum zu glauben. Obwohl ich mich so lange, so sehr mit Dir beschäftigt habe, weiß ich im Grunde genommen gar nichts von Dir. Habe nicht die geringste Vorstellung, wie Du das aufnehmen wirst, wenn Du das liest, oder wie Du reagieren wirst, wenn ich morgen oder übermorgen vor Dir stehen werde, um Dir den Brief zu geben.

Hoffe, Du hast Humor. Hoffe, wir erleben zusammen noch ein weiteres Kapitel. Hoffe, meine beiden größten Wünsche gehen noch in Erfüllung: Deinen Namen zu erfahren. Und Dich irgendwann zu umarmen
Wolfgang

Montag. So lang und langwierig der Brief geworden ist, ich habe Vieles weggelassen: Zum Beispiel den schwarzweißen Badeanzug, mit dem Du überrascht hast, als das rote Top auszubleichen begann, und den Du Dir so gut ausgesucht hast. Oder den Moment in der Akazienstraße, als Du im Vorübergehen über die Schulter blickend mich beobachtet hast, wie ich Dir hinterher gucke und Deine Beine bewundere, und wie Du dann rasch Deinen Blick abgewandt hast, als ich hoch schaute, um zu sehen, wer da so schöne Beine hat. Oder als Du eines Morgens direkt vor mir aus dem Wasser geschossen bist, so dicht vor mir, dass ich die Wärme Deines Gesichtes spüren konnte, doch statt Dich zu schnappen und zu umarmen, einfach nur verdutzt war. Und was für eine glückliche Zeit das war, im Frühling in Dich verliebt zu sein.

Für den Tagtraum:
(Mail-Adresse)
(Telefonnummern)

Sonntag, 15. August 2010

Brief 2

Ich zwinge mich, mich nicht mehr mit Dir zu beschäftigen. Was sich leider?/zum Glück? als unmöglich erweist. Denn jetzt beginnt das zweite Kapitel. Titel: Ist sie es oder ist sie es nicht? – Bisher hatte ich Dich nur in der Schwimmhalle gesehen, in Deinem aparten Schwimmdress. Jetzt ist da eines Morgen die junge Frau, die mir beim Betreten des Stadtbades auffällt. Jeans trägt sie, einen kurzen taillierten roten Mantel und darunter etwas Hellblaues. Rot und Hellblau? Warum nicht, du Trollo?! Wie rotes Tank-Top und blaue Badekappe. Doch so scharfsinnig bin ich um sieben Uhr morgens noch nicht. Außerdem, die Haare. Lange dunkle Haare mit einem Hauch Rot darin. Ist sie das? Kann das sein? Sie hat lange, dunkle Haare? – Anderes Mal, Vorraum-situation nach dem Schwimmen. Die Frau mit den hohen braunen Schnürstiefeln, die sie mit – muss schon sagen – lasziver Geste schnürt. Nicht glotzen, guck weg! Dennoch kriege ich dann aus den Augenwinkeln mit, wie die Frau mit den Schnürstiefeln hinaus rauscht, in einem langen weißen Cape - wie Kim Basinger in L.A. Confidential eins trägt. War das etwa die Schwimmerin aus Übersee? - Ich überspringe weitere Beispiele, wenn auch ungern, denn (vom weißen Cape abgesehen) ich konnte gar nicht genug kriegen von den Variationen Deines Stils.

So unmöglich wie es bei alldem ist, mich nicht mehr mit Dir zu beschäftigen, genauso unmöglich ist es bei diesen Begegnungen, Deinem Blick zu begegnen, ein klitzekleines scheues Lächeln mit Dir zu wechseln oder einfach nur lapidar „Guten Morgen“ zu sagen. Ganz unverfänglich, unter Leuten, die sich inzwischen seit Monaten jede Woche zwei- oder dreimal in einem Schwimmbecken sehen. - Ich weiß nicht mehr, wann es genau war, aber es war auf jeden Fall die Beschäftigung mit Deinem Kleidungsstil, die meiner Erinnerung auf die Sprünge half: Die Frau mit dem Hunderteuroschein und der schwarzen Blume auf dem schwarzen Mantel, das warst Du! Na, klar! Und sieh mal an: So herb kannst Du also auch sein? Diesen harten Ton hast Du drauf? – Respekt! Das gefällt mir. - Viele Wochen später, im Hallenbad am Heidelberger Platz. Auf meine „beherzte“ Initiative hin grüßen wir uns inzwischen. Einmal habe ich sogar Dein Lächeln gesehen und werde es nie wieder vergessen. Da kommt es zu folgendem Dialog, der eigentlich zu knapp ist, um als solcher zu gelten. Ich: Überholen Sie mich einfach. – Du: Okay. Dankeschön. – Wieder bin ich überrascht. Und wieder denke ich: Ach, so kann sie also auch sein. In diesem Fall, so zuckersüß. Wie nett! Aber wie gut, dass sie auch die andere knurrige, mürrische Art drauf hat („I love you more when you´re spiteful“).

Da ich Deinen Namen nicht weiß, habe ich Dir - für mich - einen Namen gegeben. Ich nenne Dich Contessa. Das hat entfernt mit Hemingway zu tun. Vor allem aber damit, wie Du Deine langen Beine übereinander schlägst, wenn Du Dich an den Beckenrand setzt. Mit der nachlässigen Bewegung, mit der Du beim Brustschwimmen wendest. Mit – so ist das eben, wenn man verliebt ist – der feinen Zeichnung Deiner Oberschenkelmuskulatur. Mit Deiner Haltung, wenn Du am Beckenrand sitzend Deine Haare zusammenbindest; womöglich gerade von der einfallenden Sonne in goldenes Licht getaucht (also das war wirklich zu viel; jetzt übertreibt sie es aber, habe ich da gedacht; und sie kann nicht mal was dafür). Es hat mit Deinem Stolz zu tun. Und: mit Deiner Unnahbarkeit hat es zu tun. – Du schaffst tatsächlich das Kunststück, auch jetzt noch im dritten Kapitel, da Du inzwischen interessiert zu sein scheinst an mir, weil Du wissen willst, wem Du da so gut gefällst, Du schaffst es auch da noch, unnahbar zu erscheinen. Obwohl Du begonnen hast, mir Gelegenheiten zu geben, auf Dich zuzugehen: kein Lächeln, kein Gruß, kein Blick (und später am Heidelberger Platz das Lächeln, der Gruß, der Blick getaucht in zuckersüße Förmlichkeit). Das ist ein solcher Widerspruch, das Bieten der Gelegenheit und die Körpersprache, die es zugleich dementiert, dass es mich fast um den Verstand bringt, da ich letztlich nie weiß, ob ich mir das alles nur einbilde, weil ich es mir so sehr wünsche. – Zu einem Freund sage ich mal in meiner Verzweiflung: „Wer ist sie? Was will sie von mir? Ist sie eine Schriftstellerin, die mein Verhalten beobachtet, während sie mich in ihrem Plot herumirren lässt wie eine Laborratte im Labyrinth?“ – Und eine ganze Zeit lang frage ich mich allen Ernstes, ob Du vielleicht ein Mädchen bist, das ein Junge ist. Weil Du so überhaupt nicht spielst damit, begehrt zu werden. Weil Du nicht flirtest, kein bisschen kokettierst. Weil Du Deine Scheu hinter dem gleichen männlichen Ernst verbarrikadierst wie ich. – Inzwischen denke ich nicht mehr, dass Du ein Mädchen bist, das ein Junge ist. Und falls es doch so wäre: Es wäre kein Hindernis. Du wärst zwar der erste Junge in meinem Leben und auch das erste Mädchen, das ein Junge ist. Aber da mir nun mal alles an Dir gefällt, von dem weißen Cape mal … .

Viertes Kapitel. Die Spannung steigt. In die Irritation mischt sich Verzweiflung. Meine Sehnsucht nach Dir ist nicht mehr süß, sie beginnt weh zu tun. Es geht jetzt nur noch um Gelegenheiten, die Du mir gibst. Um mein Versagen dabei, sie zu ergreifen. Um die verschiedenen Gründe, die das hat – und weiter, immer weiter um Ungewissheit und die quälende Frage, ob ich mir diesen ganzen Roman mit Dir nur einbilde. Mittlerweile hat das Stadtbad Schöneberg geschlossen. Mein Plan war, Dich in der letzten Woche anzusprechen, um Dir zu sagen, dass wir jetzt am Heidelberger Platz schwimmen können. Dann hast Du aber offenbar nicht mitgekriegt, dass das Stadtbad außerplanmäßig noch eine Woche länger geöffnet hatte. Wunderbarerweise bist Du trotzdem am Heidelberger Platz aufgetaucht. Wir haben angefangen uns zu grüßen. Ich habe Dein Lächeln gesehen. Da stehe ich einmal nach dem Schwimmen draußen mit meinem Fahrrad und sehe Dich hinter der Glasscheibe des Portals. Im Begriff herauszukommen? Oder abwartend, bis ich weg bin? – Ich sehe auf die Distanz nicht Deinen Gesichtsausdruck, glaube jedoch Deinen Unwillen zu spüren und fahre deshalb los. Kraftvoll in die Pedale tretend überholst Du mich dann an einer Ampel. Nichts wie vorbei, nichts wie weg. Um bloß nicht von mir angesprochen zu werden? Oder um mich dazu zu bringen, Dir hinterher zu radeln? Weil Du eine Löwin bist, willst Du gejagt werden? – Hm. - Ich biege gleich danach ab, um meinen üblichen Weg durch den Volkspark zu nehmen. Optimistisch, dass sich schon noch eine Gelegenheit ergeben wird, Dir zu sagen, dass wir, wenn auch das Bad am Heidelberger Platz schließen wird, in der Nähe in einem Freibad schwimmen können. Du bist dann nur leider nicht mehr gekommen. Statt dessen sehe ich Dich fortan regelmäßig in einer Dachwohnung in der Xxxxxxxxxxxxxxstraße, die meiner Wohnung gegenüber liegt. Oder bilde ich mir das nur ein? - Schwerer Rückfall ins zweite Kapitel und zu der Frage: Ist sie es oder ist sie es nicht?
(Fortsetzung folgt)

Samstag, 14. August 2010

Brief 1

28./29./30.11.09
Liebe Contessa,
das erste und einzige Mal, dass wir miteinander geredet haben, das war Ende Januar im Entrée des Stadtbad Schöneberg. Und das ging so:
Du: Hallo!
Ich suche gerade fieberhaft nach meiner Zehnerkarte.
Du (machst auf Dich aufmerksam): Entschuldigung!!
Ich schaue zu Dir hin.
Du: Können Sie einen Hunderteuroschein wechseln?
Ich: Ich kann nicht mal meine Zehnerkarte finden.
Du wendest Dich ab.
Ich: Ich kann nicht wechseln. Aber ich kann Ihnen das Geld für den Eintritt geben.
Du (höhnisch): Ha-haa!
Ich: Gleich um die Ecke in der Eisenacher gibt es eine sogenannte Sportsbar. Durchgehend geöffnet. Vielleicht kann Ihnen da jemand wechseln.
Du (mürrisch): Danke.

Anschließend beim Schwimmen brüte ich darüber, was wohl passiert ist zwischen den Frauen und den Männern, dass das arglose Angebot, mit drei Euro auszuhelfen, als Aufdringlichkeit zurückgewiesen wird. Für wen hält die mich? Was denkt die sich? Dass ich mich damit in ihr Leben drängen will? - Ich habe schon traurigen kleinen Mädchen und weinenden Jungs das Geld geschenkt, das ihnen für den Eintritt gefehlt hat. Warum soll ich da nicht einer fremden Frau Geld schenken/auslegen, die gerade von der unfreundlichsten Kassiererin des Hallenbades abgewiesen worden ist. Und sei es nur, um der Zicke an der Kasse zu zeigen, was sie im Leben alles verpasst.

Wo ist sie eigentlich, die Frau mit dem Hunderteuro-schein? Hat sie ihn nicht gewechselt gekriegt? Denn da sind nur die vertrauten Morgenschwimmer. Unter anderem der bullige Kerl, der aussieht wie ein Mitglied der Panzerknackerbande; zu dem ich mal bei einem Streit in der Umkleide gesagt habe: „Ich verachte Sie!“, und mit dem ich mich in den nächsten Monaten befreunden werde. Oder die anmutige Schwimmerin mit der blauen Badekappe, dem roten Tank-Top und der schwarzen Hose. Brustschwimmen ohne Kopfeintauchen, Kraul-schwimmen mit Schwimmbrille, Rückenschwimmen, Brustschwimmen. Insgesamt exakt 50 Minuten. Das werde ich allerdings erst später bemerken. Vorerst rätsele ich noch über ihrem Outfit. Findet sie Badeanzüge vulgär? Oder ist es ein feministisches Statement? Will sie ihren Körper nicht zur Schau stellen?

Erst beim Verlassen des Bades sehe ich die Frau mit dem großen Geldschein wieder. Während ich im Entrée meine Schuhe anziehe, bemerke ich sie auf der Bank gegenüber, wo sie sich fertig anzieht. War sie also doch in der Schwimmhalle. Einen eleganten schwarzen Mantel hat sie. Auf der Rückseite ist eine große schwarze Blume aufgesetzt. Aha. – Sie verlässt das Gebäude vor mir. Wir haben den gleichen Weg. Links um die Ecke über den Parkplatz. Sie beschleunigt ihre Schritte, als fühlte sie sich von mir verfolgt. Es wird immer doller. Die letzten Meter zu ihrem graublauen Golf rennt sie geradezu, und dann schnell rein ins Auto. Gerettet! – Und wovor jetzt noch mal genau? Ich könnte mich schieflachen. Was denkt sie, wer ich bin? Ich, dem nichts so fern liegt wie Aufdringlichkeit. Ich, der ich nie auf die Idee käme, eine fremde Frau anzuquatschen. Ja, das ist so. Leider, wie sich noch zeigen wird.

Anfang Februar. Wieder Stadtbad Schöneberg. Ich bin gerade mal zehn Minuten im Wasser. Lautsprecher-durchsage: Wir sollen sofort das Becken verlassen. Ich raus und mit den anderen hin zum sogenannten Schwimmmeister. Er erklärt uns, dass die Keimbe-lastung des Wassers den kritischen Punkt überschritten hat. Da meldest Du Dich zu Wort. "Aber vielleicht, wenn wir zehn oder zwanzig Minuten warten, dann das Wasser ist wieder gesund." - Nichts zu machen, es dauert zwei Stunden, bis der Badebetrieb wieder aufgenommen werden kann. Blöd. Aber immerhin haben wir das jetzt auch mal erlebt. Außerdem weiß ich jetzt, dass Du Amerikanerin bist (Nordamerikanerin) – und ich bin so was von bezaubert von der Formulierung „das Wasser ist wieder gesund“, dass ich den ganzen Tag immer wieder daran denken muss und jedes Mal unwillkürlich lächle vor Freude über diesen Sprachgebrauch, der ja schon treffend, aber eben auch irgendwie drollig ist; jedenfalls würde ein deutscher Sprecher das so nie sagen. – Auch am nächsten Tag muss ich noch lächeln über die Formulierung und auch noch am übernächsten Tag, und als sich das verliert mit dem Lächeln, bleibt immer noch das Bild: wie Du da gestanden hast in Deiner schlaksigen Anmut, wie Du Dich gezeigt hast in Deiner Lebhaftigkeit, Mädchen und Weib in einer Person. Dieses Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich merke es gar nicht gleich, weil es so unerwartet ist, so unwahrscheinlich: Ich habe mich in Dich verliebt, verguckt, verschossen, verknallt. Ich muß unentwegt an Dich denken („you are always on my mind“). Bin beglückt, wenn ich in die Schwimmhalle komme, und Dich sehe. Muss Dich immerzu angucken („can´t take my eyes off of you“). Der ganze Song-Kitsch. Jetzt so wahr und lebensnah. Und das im grauen Berliner Februar. Bis ich bemerke oder zu bemerken glaube, dass Dir mein ewiges Gucken lästig ist. Ich weiche in die Mitte des Beckens aus. Ist doch auch lächerlich. Hör auf damit! Das ist ja gruselig für die junge Frau. Und du selbst machst dich nur unglücklich mit dieser Vernarrtheit.
(Fortsetzung folgt)

Oh je!

Einen vor vielen Monaten geschriebenen Liebesbrief noch mal lesen. Nachdem die Schwierigkeit, sich kennen zu lernen, um die es in dem Brief geht, sich mittlerweile als Unmöglichkeit erwiesen hat.  Über eine Woche lang habe ich mich gedrückt davor, den Brief noch mal zu lesen, den kleinen parfümierten Brief, wie ich ihn mittlerweile nenne. Ihn so nenne, weil er so inszeniert ist, so dramaturgisch. So hatte ich ihn in Erinnerung und so ist er auch – weil er gar nicht anders sein kann. Wenn ich jetzt in der gleichen Lage, im gleichen Zustand wäre wie damals, ich würde den Brief nicht anders schreiben. Es war mir also nicht peinlich, den Brief wieder zu lesen – nach allem, was inzwischen geschehen und vor allem nicht geschehen ist. Aber etwas anderes ist passiert beim Wiederlesen. Etwas womit ich nicht gerechnet habe. Während ich las, ist die Überzeugung zurück gekommen, die ich damals hatte, als ich den Brief schrieb: die feste Überzeugung, dass aus dieser Geschichte, egal wie verworren sie ist, noch etwas werden wird.  Bestimmt nicht das, was ich mir damals vorgestellt habe. Es ist nur das sichere Gefühl, dass da noch was kommt, dass die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist.