So schnell wie es begonnen hat, geht es weiter. Nadja trifft Daniel zum ersten Mal und dann trifft sie ihn regelmäßig. Sie soll verstehen, erklärt sie Liliane, dass sie ihr, der Mutter, nicht viel mehr erzählen will, nur eines kann sie ihr gar nicht oft genug sagen: Wie dankbar sie ihr ist. Sie, Liliane, hat die Wahl getroffen. Sie hat erkannt, dass sie zusammen passen werden. - Und genau so sieht es Liliane jetzt auch. Die Beklemmungen, die sie befielen bei ihrem Intrigenspiel, sind der beglückenden Überzeugung gewichen, das Beste getan zu haben für ihren Sohn und für diese hinreißende junge Frau,die in ihrer Verliebtheit noch bezaubernder ist. Doch da geht es auch schon los mit den Komplikationen.
Erste Komplikation: Daniel denkt gar nicht daran, Maren wegen Nadja zu verlassen. Und dabei verhält er sich offenbar so geschickt, dass Maren nichts merkt. Beleg dafür: Vom Rabbi Levinson erfährt Liliane, dass Maren zum zweiten Mal bei ihm war (sie sprach über ihre Liebe zu Daniel und sagte, sie will konvertieren, damit es nichts Trennendes zwischen ihr und seiner Familie gibt) und dass er dazu neigt, sie nach der obligatorischen dritten Ablehnung zur Konversion anzunehmen.
Nadja hingegen ist weniger arglos. Jedenfalls zeigt ihre Verliebtheit bald erste Abnutzungserscheinungen: Nie können sie sich treffen, wenn sie will. Immer wieder wird Daniel nachts in die Klinik gerufen. Und warum stellt er sich so an bei der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung? Will er vielleicht gar nicht mit ihr zusammenziehen? – Um die Wahrheit zu sagen: Sie hat das Gefühl, dass es noch eine andere Frau gibt. – Liliane versucht Nadjas Bedenken zu zerstreuen. Versichert sie noch einmal ihrer Rückendeckung. Weiß jetzt aber auch, dass sie etwas tun muß. Von alleine gibt Daniel sein doppeltes Spiel nicht auf.
Da ergibt sich überraschend die Möglichkeit für Liliane, klare Verhältnisse zu schaffen, als Maren sie im Buchladen aufsucht. Maren weiß ja nicht, dass Liliane von ihrer Konversionsabsicht weiß. Nicht einmal Daniel weiß es. Und der soll es auch erst erfahren, wenn es offiziell ist. Es soll sozusagen ihr Verlobungsgeschenk für ihn sein. Liliane hingegen will sie es jetzt schon sagen, um endlich das Eis zwischen ihnen beiden zu brechen. – Liliane ist völlig überfordert von dieser rührenden Initiative Marens und deshalb reagiert sie ganz besonders hart: „Ich lehne dich nicht ab, weil du nicht jüdisch bist, Maren. Sondern weil ich weiß, dass du nicht die richtige Frau für Daniel bist.“ Pause zum Durchatmen. „Und da Daniel anscheinend nicht den Mut hat, es dir zu sagen, sage ich es dir jetzt: dass es diese Frau inzwischen gibt.“
Zweite Komplikation: Trotz aller Bemühungen Lilianes, ihr Gespräch mit Maren vor Nadja abzuschirmen, wird die bei Marens nun fälligem Gefühlsausbruch hellhörig und so kommt es zu einer Begegnung der „richtigen“ und, wie soll man sie nennen, anderen Frau, mit den nun nicht mehr zu vermeidenden Enthüllungen und Entdeckungen.
Dritte Komplikation: Junge Frauen sind nicht mehr, was sie einmal waren. Zumindest ist mit ihnen kein Melodram mehr zu machen. Maren wie Nadja, beide machen sie mit Daniel Schluß. Die eine jagt ihn davon, indem sie verschiedene scharfkantige und spitze Gegenstände nach ihm wirft. Die andere, indem sie seine Klamotten ins Treppenhaus wirft und ihm mit den Verwünschungen, die sie hinter verschlossener Tür ausstößt, gerade noch genug Hintergrundinformationen gibt, damit er weiß, wem er das alles zu verdanken hat.
„Dir selbst, nur dir selbst hast du das zuzuschreiben“, meint seine Mutter, als er sie mitten in der Nacht aus dem Bett holt und sie wütend beschimpft. Doch Lilianes Selbstbewußtsein ist unerschütterlich. Sie wollte nur sein Bestes. Dass er es dann vermasselt hat, dafür kann sie nichts. Und jetzt soll er sich doch bitte benehmen wie ein Mensch, ein Glas warme Milch trinken und dann können sie gemeinsam überlegen, wie sie Nadja wieder versöhnen. – Damit gibt sie Daniel den Rest. Er wird dafür sorgen, dass sie sich künftig nicht mehr einmischen kann in sein Leben mit ihrer Übergriffigkeit, ihrer ekelhaften. - Was das heißen soll? Dass er ihr hiermit in aller Form die Mutterschaft aberkennt. Und dass das keineswegs lächerlich ist und gar nicht geht, das wird sie schon noch sehen. Im übrigen wird er alles tun, um Maren wieder zurückzugewinnen. Und wenn er sie dafür heiraten muß.
Am nächsten Morgen geht es für Liliane dann gleich weiter mit den Beschimpfungen. Denn jetzt kriegt sie es mit dem Bruder Nadjas zu tun. Wie es aussieht, hat nicht Nadja ihn geschickt, sondern er kommt aus eigener Initiative, besser gesagt, auf eigene Rechnung. Vom gebrochenen Herz seiner Schwester und den gebrochenen Heiratsversprechungen Lilianes kommt er nämlich schnell auf die zerstörten Hoffnungen der Familie und damit auf die finanzielle Seite des ganzen Unglücks zu sprechen. Die Eltern haben schon ihre Reise nach Berlin organisiert, um ihren Schwiegersohn und seine Familie kennenzulernen. Die Flugtickets sind bereits bezahlt, weitere Ausgabe für die Reise kamen hinzu. Auch er hatte Auslagen, ebenso Nadja. – Nun könnte man die Tickets ja auch zurückgeben und was Michail „Auslagen“ nennt, kann nicht so erheblich sein, dass Liliane ihm die nicht erstatten könnte. Es ist auch nicht Geiz, der sie daran hindert. Sondern sie ist und bleibt Mutter. Sie kann und wird ihren Sohn nicht aufgeben – und sie wird ihm das nicht durchgehen lassen, was er ihr vergangene Nacht geboten hat. Sie betrachtet den stattlichen, sehr stattlichen Michail von oben bis unten und dann findet sie genau die richtigen Worte: Vielleicht wäre es nützlich, wenn einmal ein Mann mit Daniel redet, sagt sie zu Michail. Wenn einmal ein Mann ihm deutlich macht, dass er Verpflichtungen gegenüber Nadja hat und er sich nun nicht einfach aus der Verantwortung stehlen kann wie ein mutwilliges Kind. Michail muß ihm ja nicht weh tun. Aber zu spüren kriegen sollte Daniel es schon, dass es so etwas wie Grenzen gibt. - Jetzt ist Michail richtig erleichtert: Dann muß er also nicht den Eltern absagen? – Liliane: Nein, nein. Es wird sich alles noch zum Guten wenden. Sie selbst wird auf Nadja einwirken. Er wird unterdessen ein Männergespräch mit seinem zukünftigen Schwager führen. Und er soll ihm ruhig auch von den Eltern erzählen.
Vierte Komplikation: Als Liliane Nadja aufsucht, kommt die gerade aus dem Bett und schließt verstohlen die Schlafzimmertür hinter sich. – Bitteres Lächeln Lilianes. So kann man sich auch über eine Enttäuschung hinwegtrösten. Da weiß sie allerdings noch nicht, wer in dem Schlafzimmer ist. Gleich wird sie es erfahren. Es ist Aaron, der Freund Perles. Wieder einmal ging es bei Nadja ganz schnell. Aber im Unterschied zu Daniel ist das mit Aaron jetzt die wahre, die große Liebe, sagt sie. Mit Daniel, das war nur ein Wunsch. Ein Traum. Ein Versprechen. Sicher auch Leidenschaft. „Daniel ist ein guter Liebhaber. Er hat viel geübt. Das ist zu spüren. Aber er hat sonst nicht viel zu sagen.“ – Autsch!
Auch bei Michail läuft es nicht besser, dafür um so desaströser. Daniel ist sofort klar, dass seine Mutter ihm Michail geschickt hat. Deshalb ist er so aggressiv und damit verantwortlich dafür, dass es so rasch handgreiflich wird. Deshalb wehrt er sich so verbissen, dass Michail nichts anderes übrig bleibt als Ernst zu machen. Und deshalb gibt er nicht eher auf, als bis er bewußtlos am Boden liegt. – Unter uns Amateur-Psychologen: Es ist eigentlich seine Mutter, gegen die Daniel sich in dem Kampf mit Schlagen, Kratzen, Beißen und Spucken wehrt. – Während Michail das Desaster später, von Liliane zur Rede gestellt, so erklären wird: „Er ist Arzt, er hat Anatomiekenntnisse. Er weiß, wohin er fassen muß, damit es weh tut. Es hat sehr weh getan. Da mußte ich mich wehren. Ich habe ihn angeschrieen, er soll aufhören. Immer wieder. Aber er wollte nicht aufhören. Da mußte ich mich noch mehr wehren. So ist es passiert.“
Das Desaster: Nächtlicher Anruf aus dem Krankenhaus. Daniel schwer verletzt in der Notaufnahme. Liliane zusammen mit Perle und Edith eilen hin. Auf dem Weg zur Station treffen sie Maren, die von Edith informiert wurde und sich sofort auf den Weg gemacht hat. Dann das Warten auf dem Stationskorridor. Endlich dürfen sie zu ihm. Alle außer Liliane! Daniels ausdrücklicher Wunsch. Er will seine Mutter nicht sehen. So erfährt sie es vom behandelnden Arzt: Drei gebrochene Rippen. Gehirnerschütterung. Schürf- und Platzwunden, Prellungen am ganzen Körper. Ein Ohrläppchen mußte wieder angenäht werden. Zu Daniels Glück hatte der beste Kieferchirurg, den die Klinik hat, gerade Dienst. Der größte Teil von Daniels Zähnen wird erhalten werden können. – Als Perle und Edith aus dem Zimmer Daniels kommen, bestürmt Liliane sie mit Fragen. Keine Antwort, kein Blick. Kalte Verachtung Perles. Und dann sagt Edith doch noch was: „Liliane, du brauchst Hilfe. Du brauchst professionelle Hilfe.“
Es ist so schlimm, dass Liliane, als es noch schlimmer kommt, nur noch der Rückzug in den Sarkasmus bleibt. Nach schlafloser Nacht kriegt sie es nämlich erstmal mit einem Herrn Kroll von der Kriminalpolizei zu tun. Ihr Sohn hat Anzeige erstattet. Gegen Michail Ginzburg wegen schwerer Körperverletzung oder versuchten Totschlags; das wird der Staatsanwalt klären. Und gegen seine Mutter wegen Anstiftung zur Körperverletzung oder versuchtem Totschlag, „siehe oben“. Wobei es sich bei der Anstiftung vorerst nur um einen Verdacht ihres Sohnes handelt, der erst noch zu beweisen ist, und zu dem sich Liliane am besten erst in Gegenwart eines Anwaltes äußert. Jetzt geht es um den Verbleib von Michail Ginzburg. Ob Liliane dazu vielleicht Angaben mache kann. Entgeistert hat sich Liliane das alles angehört und jetzt kommt der Sarkasmus:
Liliane:
Ich weiß es nicht, wo Sie ihn finden können. Er hatte eigentlich den Auftrag, meinen Sohn umzubringen. Nachdem er das vermasselt hat, versteckt er sich vor mir.
Kroll:
War das jetzt der berühmte jüdische Humor?
Liliane:
Fanden Sie das witzig?
Kroll:
Naja, wenn das hier nicht dienstlich wäre, hätte ich gelacht.
Liliane:
(kleines Lächeln; dann)
Und wie kommen sie überhaupt auf jüdisch?
Kroll:
Liliane Katz. Daniel Katz. Katz ist doch ein jüdischer Name.
Liliane:
Und haben Sie Probleme damit?
Kroll:
Noch nicht.
Zweites kleines Lächeln Lilianes. Sie faßt Zutrauen zu Kroll.
Liliane:
Haben Sie Zeit?
Kroll nickt. Daraufhin erzählt sie ihm die ganze Geschichte, die schließlich zu dem Desaster führte. In der Absicht, ihm klarzumachen, dass es sich bei all dem um eine Familienangelegenheit handelt, nicht um einen Fall für die Polizei. Und um ihn schließlich zu bitten, ihr die Zeit zu geben, das nun auch innerfamiliär zu regeln, indem sie Daniel dazu bewegt, seine Anzeigen zurückzuziehen.
Fortsetzung folgt
ã Askania Media Filmproduktion GmbH/Wolfgang Gensheimer
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