Dienstag, 8. März 2011

Schicksenplot 2

Was bleibt Liliane auch anderes übrig, als Daniel sein Leben zu lassen - und sich damit abzufinden, dass nun kein Tag mehr vergeht ohne Maren hier oder Maren da. Maren und Daniel haben Edith zum Essen eingeladen, waren mit ihr in der Neuen Nationalgalerie, haben mit ihr den jüdischen Friedhof besucht, haben ihr das Regierungsviertel gezeigt. Maren hat Karten bekommen für die Philharmonie. Maren und Daniel haben sich zum ersten Mal gestritten, nachdem sie mit Edith im Deutschen Theater waren. – Wo hat Daniel plötzlich all die Zeit her? Und was ist eigentlich mit seiner Wäsche? – Macht die jetzt etwa Maren? – „Soll er sie hin- und herfahren“, meint darauf Perle, „wenn er sowieso bei ihr wohnt?“ -  „Und wann ziehst du zu deinem doppelten Lottchen?“ fragt Liliane darauf ihre Mutter bissig. – „Bist du etwa eifersüchtig?“ fragt Edith zurück. – „Ja, ich bin eifersüchtig“, antwortet Liliane, „und ich habe den Eindruck, dass dein Lottchen, dich dazu benutzt, um Daniel so einzuwickeln, dass er am Ende nicht mehr weiß, wie er da wieder rauskommen soll.“ – „Ach, Kind“, meint Edith darauf, „das hat sie doch gar nicht nötig. Mache es dir doch nicht so schwer. Schließ dich uns doch einfach mal an.“ – Ganz klar geschickt von Edith kommt bald darauf Maren selbst auf Liliane zu und lädt sie ein zu einem Wochenendausflug nach Rheinsberg mit ihr, Edith und Daniel. Das kommt Liliane gerade recht für eine Klarstellung und dann gleich noch eine: Deshalb sagt sie nicht, dass sie keine Zeit hat und auch nicht, dass sie schon ungefähr 23 mal in Rheinsberg war. Sondern sie sagt klipp und klar: „Ziehen Sie mal Ihr Ding durch, Maren. Aber lassen Sie mich bitte aus dem Spiel.“ – Und bei der Gelegenheit auch gleich noch das: Sie möchte, dass die Familie am nächsten Freitagabend wieder unter sich ist. „Das haben wir nämlich immer so gehalten, egal mit wem Daniel gerade zusammen war.“ – Darauf preßt Maren die Lippen zusammen, nickt und sagt dann nur: „Klar.“ – Mit dem Ergebnis, dass am nächsten Sabbat-Abend Liliane mit Perle alleine dasäße, wenn nicht Perles Freund Aaron mittlerweile in Berlin eingetroffen wäre.

Doch dann macht Liliane das Leben ein Geschenk, zumindest hält sie es dafür, und für ihre Buchhandlung ist es auf jeden Fall eins. Denn Nadja, ihre neue Aushilfe, erweist sich als wahrer Glücksgriff. Nadja studiert eigentlich Gesang und tritt für ihren Lebensunterhalt mit ihrem Bruder in Bars auf. Wegen einer Stimmband-Entzündung ist das aber derzeit nicht möglich. So gastiert sie jetzt zum Entzücken Lilianes und ihrer Kunden vorübergehend in der Buchhandlung Katz. Die jüdische Welt Berlins ist klein. Daher verbreitet sich die Nachricht vom Zauber der jungen russischen Jüdin, die bei der Katz arbeitet, schnell bei den frauensuchenden jüdischen Männern aller Altersgruppen. Mit der Folge, dass sich Liliane mitunter in ihrem Laden vorkommt wie bei einem Single-Treff der Gemeinde. Mit entsprechend günstigen Auswirkungen auf den Umsatz. Denn alle kaufen sie ein Buch, die Männer. Und viele kommen wieder, nachdem sie von Nadja ein besonders freundliches Lächeln bekommen haben, und kaufen noch ein Buch und stecken ihr dann ihre Visitenkarte zu.

Binnen kurzem hat Nadja eine ansehnliche Sammlung von Visitenkarten und schlägt Liliane – im Scherz – vor mit dieser „Kundendatei“ eine Heiratsvermittlung für arme russischstämmige Jüdinnen anzufangen. - Ist denn keiner dabei, der sie interessiert? – Nein. – Interessiert sie sich vielleicht mehr für Mädchen als für Jungs? – Nein, nein, für Jungs. Leider. Der letzte war so schlecht zu ihr, dass sie ihm ihren Bruder zum Schluß machen geschickt hat. – „Deinen Bruder?“ – „Nur, um sicher zu gehen, dass er sich noch lange an mich erinnert, der Schuft.“ Und dann fragt sie Liliane, ob sie jetzt enttäuscht ist. – Wieso? – „Naja, weil ich schon gesehen habe, wie du hinter mir herschaust, so verliebt.“ – „Ich?“ – „Du.“ – Liliane lacht. „Verliebt? Nein. Wenn, dann verträumt. Weil du die Schwiegertochter wärst, die ich mir wünsche.“ – „Dann schicke mir deinen Sohn. Ich schaue ihn mir an.“ – Wehmütiges Lächeln. „Er hat leider eine rätselhafte Vorliebe für Blondinen.“ – Dann färbe ich mir die Haare eben blond.“ – Liliane schaut auf Nadjas dunkles Haar und dann auf ihren Schoß und sagt dann abfällig: „Les cheveux blondes et la chatte noire?“ – „Pas de problème. Je me suis rasée“, entgegnet Nadja darauf vergnügt und deutet einen Knicks an. – Rasiert?! Liliane ist beeindruckt. Und Französisch spricht Nadja also auch noch. Aber dann wendet sich Liliane lachend ab und sagt im Weggehen: „Und was ist, wenn er Dir nicht gefällt?“ – „Auch kein Schaden“, ruft Nadja ihr übermütig hinterher. „Ich wollte schon immer einmal blond sein.“ Und fügt dann ganz ernst hinzu: „Eine Schwiegermutter wie du würde mir auch sehr gefallen.“ Und das in einem Ton, dass es Liliane ganz schummrig wird.

Aber was soll´s? – Phantasien eines ausgelassenen Mädchenmoments. Liebeserklärung unter Freundinnen, die sie jetzt endgültig sind. Doch dann kommt der Rabbi Levinson vorbei, um seiner alten Freundin Liliane einen Besuch abzustatten, in Wahrheit natürlich, um Nadja in Augenschein zu nehmen. Da Nadja sich nun aber für Rabbis nicht interessiert und schon gar nicht für Rabbis, die mit drei Kindern von ihrer Frau sitzengelassen worden sind, läuft es am Ende doch auf einen Plausch mit der alten Freundin hinaus. Erst über dies und über das. Und dann: „Ach, ehe ich es vergesse, die Freundin deines Sohnes war bei mir, mit deiner Mutter zusammen.“ – Liliane baff. – „Sie will konvertieren.“ – Liliane faßt es nicht. „Was hast du ihr gesagt?“ - „Was ich immer sage beim ersten Mal. Wenn Gott gewollt hätte, dass alle Menschen Juden sind, hätte er es so eingerichtet. Wir sind nicht scharf auf Proselyten.“ – „Und sie dann?“ – „Sie hat schon gewußt, dass ich sie dreimal ablehnen muß, bevor wir es in Erwägung ziehen können.“ – „Wann kommt sie wieder?“ – „Wenn sie eine Antwort gefunden hat auf die Frage, die ich ihr mitgegeben habe.“ – „Welche Frage?“ – „Du weißt, Nicht-juden müssen, um in den Himmel zu kommen, nur die sieben noachidischen Gebote befolgen. Also frage ich immer: Warum wollen Sie sieben Gebote eintauschen gegen 613 Gebote, die Sie als Jude befolgen müssen. Was eigentlich kaum zu bewältigen ist.“ – Liliane kommt ins Grübeln, und keineswegs darüber, dass es tatsächlich 613 Gebote sind. „Meiner Mutter fällt bestimmt eine richtige Antwort ein.“ – „Ich habe der junge Frau gesagt, sie soll das nächste Mal alleine kommen.“ – Das macht Maren auch nicht ruhiger. „So weit ist noch keine von Daniels Schicksen gegangen.“, murmelt sie. „Diese Schickse ist anders. Die meint es wirklich ernst.“ – Der Rabbi nickt und sagt: „Sei doch froh, hast du deinen Sohn endlich verheiratet und jüdische Kinder bekommst du auch.“ (Das ist hier nur der Einfachheit halber so erzählt. In der Umsetzung findet das Vorsprechen Marens beim Rabbi ON statt, und dann erzählt er Liliane nur, dass Maren und ihre Mutter bei ihm waren wegen Konversion, aber keine Details.)

Da weiß Liliane aber auch noch einen anderen Weg, wie sie ihren Sohn verheiratet und jüdische Kinder bekommt. Sie hat über ihr Gespräch nachgedacht, sagt sie zu Nadja. Sie würde sie gerne mit ihrem Sohn bekannt machen – um genau zu sein, verkuppeln, denn es wäre gut, wenn er die Absicht nicht bemerken würde. – „Damit er das Gefühl hat, er muß mich erobern.“ – Was will man dieser jungen Frau noch beibringen. – „Also färbst du dir die Haare?“ – „Im Ernst? Ich dachte es sei nur ein Spaß gewesen, was wir geredet haben. Hat er denn keine Freundin?“ – Darf man lügen? Oder darf man über so eine wichtige Frage hinweggehen? – Liliane entscheidet sich für Letzteres. So dass es am Ende nur noch um die Frage geht, wann Nadja blond wird und wann Liliane ein zufälliges Treffen mit ihrem Sohn einfädelt.
Fortsetzung folgt

ã Askania Media Filmproduktion GmbH/Wolfgang Gensheimer

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen