Sonntag, 6. März 2011

Schicksenplot 1

Die Schickse und mein Prinz
alternativ:
Diese Schickse ist anders
Plotskizze für eine 90minütige TV-Komödie
Wolfgang Gensheimer
10.05.09

Die Idee ist, die Geschichte von den verfolgten Liebenden einmal nicht aus der Perspektive der Liebenden, sondern aus der Gegenperspektive zu erzählen. Als einen Fall von extremistischer Mutterliebe. Dem Fall einer jiddischen Mamme, die mit aufopferungsvoller Radikalität nur das Beste für ihren Sohn will und ihn sich damit zum erbitterten Feind macht.

Die Mutter ist Liliane Katz (49). Ihr Reichtum, ihr Glück und Lebensinhalt sind ihre beiden Kinder Daniel und Perle. Die zu den Kindern gehörenden Väter sind ihr verloren gegangen. – Aufgewachsen ist Liliane in New York als Tochter jüdischer Eltern, einer deutschen Emigrantin und eines kroatischen Diplomaten; die Mutter assimiliertes Berliner Bürgerkind, der Vater in erster Linie Kommunist, also Atheist. – Liliane selbst hält es mit der jüdischen Tradition wie es ihr gerade einfällt und paßt, mal observant, mal liberal, mal säkular. Nur in einem Punkt gibt es für sie keine Flexibilität: Für ihren Sohn wünscht sie sich mit aller Macht eine jüdische Frau. Das hat nichts mit Vorurteilen gegen Nichtjuden zu tun, sondern das ist tiefempfundener mütterlicher Pragmatismus. Denn sie will, dass Daniel eine Frau bekommt, die ihn so hingebungsvoll liebt, die ihn versteht und so aufpaßt, wie sie es immer getan hat. Und das kann in der Logik Lilianes nun mal nur eine Frau sein, die wie sie selbst Jüdin ist.


Daniel, Dr. Daniel Katz (29), war und wird immer sein: der kleine Prinz seiner Mutter. Er ist als Gefäßchirurg im Virchowklinikum tätig und arbeitet derzeit an einer Habilitationsschrift. Seine zweite Leidenschaft neben der Medizin ist das, was seine kleine Schwester so beschreibt: „Er sammelt Blondinen. Immer der gleiche Typ. Groß, langbeinig, flachbrüstig, Barbie-Näschen. Nichtjüdisch, versteht sich.“ – Seiner Mutter ist diese klischeehafte Fixierung ein Rätsel und mit jeder weiteren Affäre ihres Sohnes ein immer größeres Ärgernis, weil er mit diesen Frauen doch nur seine Zeit vertut, da sie für eine Heirat nun mal nicht in Frage kommen.


Perle (19) ist nach ihrem Abitur in einer Orientierungsphase. Geht es ihr schlecht, und es wird ihr schlecht gehen, will sie nach Israel auswandern und sich beim Mossad bewerben, vorläufig jedoch will sie endlich entjungfert werden. Dafür glaubt sie nun den geeigneten jungen Mann gefunden zu haben, Aaron (22), den sie gerade in Straßburg kennengelernt hat. – Das Triebschicksal ihres Bruders findet sie keineswegs rätselhaft: „Soll er sich eine Frau suchen, die ist wie unsere Mutter? Mamme hat er soviel bekommen, dass es reicht für sein ganzes Leben. Also sucht er sich eine Frau, die in jeder Beziehung das genaue Gegenteil von ihr ist. Allerdings könnte er jetzt mal langsam fündig werden.“


Edith Katz (82) ist zum ersten Mal wieder in Berlin, seit sie die Stadt 1938 mit anderen jüdischen Kindern in Richtung England verlassen und ihre Eltern zum letzten Mal gesehen hat. Sie hat am Sitz der Vereinten Nationen in New York als Simultandolmetscherin gearbeitet und, wie sie zu sagen pflegt, „den gesamten Kalten Krieg vom Englischen ins Russische und vom Russischen ins Englische übersetzt“. – Liliane will nun, dass ihre Mutter nach Berlin übersiedelt, damit sie sich um sie kümmern kann. Doch je länger Edith dem Treiben ihrer Tochter zusieht, desto mehr gewinnt sie den Eindruck, dass sich jemand um Liliane kümmern sollte. Dringend.


Maren (27), diplomierte Übersetzerin, zur Zeit tätig als mehrsprachige Altenpflegerin. Sie ist bei ihrem Vater aufgewachsen, der immer gut zu ihr war, ihr aber weder die Mutter ersetzen noch ein richtiges Familienleben bieten konnte. – Wie sie aussieht, hat sie keine Not, einen Mann zu finden. Sie will aber nicht nur einen Mann, sie will eine Familie heiraten, eine Familie mit allem Drum und Dran. – Die ganze Maren ist so normal wie ihre Träume-Wünsche-Sehnsüchte und, machen wir uns nichts vor, eigentlich langweilig. Das ändert sich dann jedoch mit zunehmendem Drum und Dran.


Nadja Ginzburg (24) ist mit ihrem Eltern – Alexej (55) und Larissa (52) – und ihrem Bruder Michail (27) Mitte der 90er Jahre von St. Petersburg nach Israel ausgewandert. Zur Zeit lebt sie in Berlin, wo sie Gesang studiert. Ihre Eltern bestanden darauf, dass ihr Bruder sie begleitet, um auf sie aufzupassen. Diese Aufgabe nimmt er sehr ernst. – Da Nadjas Stipendium nicht ausreicht für sie beide und die Geschwister außerdem noch ihre Eltern finanziell unterstützen wollen, treten Nadja (Gesang) und ihr Bruder (Klavier) in Hotel-Bars auf, wo Nadja mit ihren angeschlampten Interpretationen von Jazz-Klassikern es zu Kult-Status gebracht hat.


Willst du Gott zum Lachen bringen? -
Erzähl ihm von deinen Plänen.

        Alles fängt damit an, dass Lilianes Aushilfe anruft und ihr mitteilt, dass sie für den Rest ihrer Schwangerschaft liegen muß, und sie deshalb nicht am Nachmittag in der Buchhandlungvertreten kann. Lilianes Ex-Mann kann auch nicht einspringen, aus einem Grund, den sie vergißt in dem Moment, da er ihn nennt, weil es sowieso gelogen ist. Und ihre Tochter hat in Straßburg ihren Zug verpaßt und wird erst am Abend zurück in Berlin sein. Nun hätte ihre Mutter, zu Besuch aus New York, ihre Expedition in die Vergangenheit auch auf einen anderen Tag verschieben können, an dem Liliane Zeit gehabt hätte, um sie zu begleiten. Aber in ihrem Alter geht das anscheinend nicht mehr, irgend etwas zu verschieben.

Also irrt Edith alleine in dem Haus in Charlottenburg herum, in dem sie aufgewachsen ist. Vorderhaus treppauf, treppab. War es die zweite oder die dritte Etage? Sie findet die Wohnung nicht, in der sie mit ihren Eltern lebte. Dann im Hinterhaus, treppauf, treppab. Die Wohnung, in der ihre Freundin Lotte wohnte, findet sie auch nicht. Doch dann hat Edith eine Erscheinung. Plötzlich steht Lotte vor ihr! - Nicht die Lotte aus Kindertagen, die sie zum letzten Mal gesehen hat, als sie neun Jahre alt waren. Nein, es ist die Lotte, als sie 30 war, die Edith von dem Foto kennt, aufgenommen kurz bevor Lotte bei einem Autounfall ums Leben kam. Und das ist einfach zu viel für die sowieso schon entkräftete und nach Atem ringende alte Dame. Sie kollabiert und fällt der Erscheinung direkt vor die Füße.

Die Erscheinung ist Maren. Eine ambulante Altenpflegerin, gerade von einem ihrer Klienten kommend. Sie schiebt der am Boden liegenden alten Dame ihre zusammengeknüllte Jacke unter den Kopf. Steckt ihr ein Stück Schokolade in den Mund. Nimmt sie bei den Füßen und hebt die Beine hoch. Mit seligem Lächeln kommt Edith wieder zu sich, sagt mehrmals beglückt „Lotte“, und als sich dann auch noch ihre Verwirrung gelegt hat, erklärt sie Maren, dass sie einen Moment glaubte, dass ihre Freundin aus Kindertagen vor ihr steht. Und da war es um sie geschehen.

Maren läßt es sich nicht nehmen, die witzige und auch gleich wieder äußerst lebhafte alte Dame nach Hause zu begleiten. Dort besteht Edith darauf, dass ihre Retterin mit ihr hoch in die Wohnung kommt, weil sie Maren unbedingt ihrer Tochter Liliane vorstellen möchte. Und als Edith dann die Fotos hervorholt, die Lotte ihr damals nach New York geschickt hat, muß auch Liliane zugeben, dass die Ähnlichkeit verblüffend ist und das Auf­einandertreffen im Treppenhaus schon einen Kollaps wert war. Trotzdem wäre es ihr lieber, wenn Edith und Maren ihre Bekanntschaft bei anderer Gelegenheit vertiefen würden und die Doppelgängerin von Lotte sich nun verabschiedet, flüstert sie ihrer Mutter zu. – Warum denn? – „Mom, es ist Freitagabend. Da möchte ich, dass wir unter uns sind.“ – „Dann gehe ich eben mit ihr in mein Zimmer.“ – Liliane verdreht die Augen. Sie könnte Edith jetzt sagen, dass es noch einen anderen Grund gibt als den, dass sie keine nichtjüdischen Bekannten am Sabbat-Abend zu Gast haben möchte. Doch da kommt auch schon ihr Sohn Daniel mit seiner Schwester Perle, die er vom Zug abgeholt hat. Er sieht Maren, die große, langbeinige, flachbrüstige Blonde mit ihrem Barbie-Näschen, die wie gemalt in sein Beuteschema paßt. Und schon ist es passiert. Nun besteht nicht mehr nur Edith darauf, dass Maren bleibt, sondern auch Daniel lädt sie ein zu bleiben: „Es wird Ihnen gefallen.“ – Was? – „Wenn wir Sabbat feiern.“ – „Sabbat feiern?“ – Jetzt muß Maren nicht mehr genötigt werden. Das will sie sehen. „Warum haben Sie mir das nicht erzählt, dass sie Jüdin sind?“ fragt sie Edith. – „Weil es mir nicht so viel bedeutet - wie zum Beispiel meiner Tochter“, antwortet Edith und fügt dann hinzu, was sie offenbar schon zu oft gesagt hat, denn Perle und Lilianen stimmen unisono in den Satz ein: „Wenn Hitler nicht gekommen wäre, hätten wir vergessen, dass wir Juden sind.“

Schließlich sind alle um den Sabbattisch versammelt. Perle zündet mit ihrer Mutter die Kerzen an. Daniel spricht den Kiddusch über den Wein und den Segen über das Brot. Und dann kommen die Fragen von Maren. Alle schon unzählige Male gehört; Grund dafür, warum Liliane am Sabbat keine Nichtjuden mehr zu Gast haben will. - Warum bedecken Sie Ihre Augen, nachdem Sie die Kerzen angezündet haben? Ist das ein Gebet gewesen, was Sie da gesprochen haben? Wieso sind es zwei Brotlaibe, die gesegnet werden? … Dann kommt allerdings eine Frage, die noch niemand gestellt hat. Nachdem sie mitgekriegt hat, dass Daniel Chirurg ist, fragt Maren allen Ernstes, nein, natürlich nicht allen Ernstes, sondern weil sie es jetzt für angebracht hält, mit dem Begattungsritual zu beginnen: „Und das Mützchen, das Sie da aufhaben, tragen Sie das auch im Operationssaal?“ – Da schaut selbst Edith betreten. Aber Daniel ist ganz entzückt und erklärt ihr geduldig, dass es sich bei dem Mützchen um eine Kippa handelt, und dass er die nur im Haus oder in der Synagoge trägt. – Dann ist er also nicht so ein strenger Jude? – Liliane, die dem Dialog mit hochgezogenen Augenbrauen folgt, kapiert: Ach so! Darauf wollte sie hinaus. – Und jetzt Daniel, ihr schlauer Prinz, was wird er antworten? - „Streng nicht. Aber typisch schon.“ – Wie meint er das? fragt Maren. Und da ist Liliane jetzt auch mal gespannt. – „Naja“, antwortet er, „zum Beispiel wohne ich immer noch bei meiner Mutter.“ – „Das heißt also, dass Sie keine feste Freundin haben?“ – Daniel schüttelt den Kopf und strahlt. Maren strahlt zurück. Und Liliane dreht den Kopf zur Seite und schneidet eine Grimasse zu Perle hin. Jetzt hat sie es also mal aus allernächster Nähe mitgekriegt, wie das läuft mit ihrem Prinz und seinen Blondinen.
Nachdem Daniel und Maren sich zu weiteren Vorgesprächen verabschiedet haben, zählt Liliane an ihren Fingern ab: „Heike, Kerstin, Anne, Lena, Stephanie, Martina, … .“ – „Silke, Tanja, Julia“, hilft Perle aus. Liliane mit hilflosem Blick zur Zimmerdecke: „Und jetzt also die nächste Schickse. Maren. Und meine Mutter hat sie auch noch für ihn angeschleppt.“ – „Schickse! Was nennst du sie Schickse?!“ grummelt Edith. - „Schickse heißt nichtjüdisches Mädchen“, erklärt Liliane. Als ob ihre Mutter das nicht wüßte: „Ja, und?! Sind Blondinen deine natürlichen Feindinnen? Oder bist du Rassistin? - Lerne sie doch erstmal kennen. Vielleicht ist sie ja ganz patent. Bei mir war sie es jedenfalls, als ich vorhin meinte, dass ich gleich meinen letzten Schnapper mache.“ – „Ich will sie nicht kennenlernen.“ – „Weil du eine jüdische Fundamentalistin bist?“ – „Was soll ich sie kennenlernen, mich an sie gewöhnen und sie vielleicht liebgewinnen, wo ich weiß, dass sie nicht zu ihm paßt, und er es spätestens in einem Jahr selbst gemerkt hat.“ – Edith wackelt unwillig mit dem Kopf und läßt nun ihrerseits die Mutter raus: „Warum kümmerst du dich nicht mal um dich selbst und suchst dir wieder einen Mann? Get a life! Und laß dem Jungen seins.“ 
Fortsetzung folgt

ã Askania Media Filmproduktion GmbH/Wolfgang Gensheimer

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