Montag, 30. August 2010
Panik 2
Kirchhof Jerusalem. Beerdigung. Panik. Ich habe es mit der Angst zu tun gekriegt, als die Cinderella neben mir stand vor dem Grab. Zugleich war ich immer noch überrascht von ihrem offensichtlichen Interesse an mir. Sie hat mir auch gefallen. Ich habe es auch als schmeichelhaft empfunden, dass sie so auf mich angesprungen ist, dass ich zuvor in der Andachtshalle, wo sie auf der anderen Seite des Ganges saß und ständig zu mir herschaute, den Eindruck hatte, sie hätte sich mir am liebsten auf den Schoß gesetzt. Keine Übertreibung. Nicht nur ich habe das gesehen, auch die Gertrud, die neben mir saß, die hat es auch bemerkt und deswegen eine Miene gemacht zu mir her. Und wenn es nicht die Beerdigung von dem Alexander gewesen wäre, der gerade mal Anfang 30 an metastasiertem Hautkrebs gestorben ist, und wenn ich nicht gedacht hätte, das passt doch jetzt alles gar nicht, ich will jetzt an den Alexander denken und lieber den Taewoo angucken, der auf der anderen Seite neben mir stand vor dem Grab und der mal wieder völlig überfordert war von dem Trauerakt– wenn das nicht gewesen wäre, dann hätte ich mir auch ausgemalt, wie das sein könnte mit der blonden jungen Frau, und als nächstes hätte ich mir überlegt, wie ich es anstellen soll, dass es so bald wie möglich passiert. Ansatzweise habe ich das auch so gedacht, doch das beherrschende Gefühl war Panik: Was will die von mir?! Was mache ich denn jetzt nur?! Für wen hält die mich? Die sieht doch jemanden in mir, der ich überhaupt nicht bin. Die sieht meinen Mantel von der Firma Joop mit 20 Prozent Kaschmiranteil, den ich mir im Jahr zuvor bei vorübergehend ausgeglichenem Kontostand gekauft habe, nichts Besonderes, aber eben auch nicht lumpig und nicht so abgeschabt wie zum Beispiel ihrer. Die sieht einen Mann in den sogenannten besten Jahren in einem Mantel, der aussieht wie aus Kaschmir, und mit Schuhen, mit Ledersohlen und mit Handschuhen aus Leder und einem Schal aus Kaschmir. Keine Elendsgestalt wie die meisten anderen Trauergäste, die anderen Freunde und Bekannten von Alexander. Jemand, der was hermacht – was ich schon mein Leben lang schaffe, dass ich etwas hermache und, ohne das zu wollen, immer auf die Leute wirke, als hätte ich es nicht nötig. Und ein Typ in den sogenannten besten Jahren, der nicht daher kommt wie eine der in Kreuzberg weit verbreiteten Elendsgestalten, der kann nur einer sein, der es geschafft hat im Leben. Und wenn der interessiert nach einer jungen Frau schaut, so wie ich es getan hatte draußen vor dem Friedhof, als ich zusammen mit Gertrud ankam, wenn so ein Typ interessiert nach einer jungen Frau guckt, dann kann der ihr auch was bieten. Und dass sie meinen interessierten, aber intentionslosen Blick so lebhaft erwiderte, dass sie mir nun nicht mehr von der Seite wich, war für mich nur damit zu erklären, dass sie in mir jemanden sah, der einer jungen Frau etwas zu bieten hat. Und weil das aber einfach nicht der Fall war, weil ich mich gerade mal wieder am Rande der Mittellosigkeit bewegte, und sie täuschte mit meinen besseren Schöneberger Klamotten, kam ich mir vor wie ein Hochstapler. Ein Hochstapler wider Willen. Für sie aber faktisch ein Hochstapler. Weshalb auch klar war, dass ich nichts, nicht das Geringste tun durfte, um diese Täuschung fortzusetzen. Dass es überhaupt nicht in Frage kam, auf sie einzugehen oder sogar mich mit ihr einzulassen. Was es noch viel schlimmer machte, dieser Hochstapler zu sein, der ich für sie war. Weil nichts hätte ich lieber getan, als mich mit ihr einzulassen. Wie leicht das gewesen wäre, zeigte sich, als wir zusammen vom Grab weg zum Ausgang des Friedhofes gingen und ohne Umstände miteinander redeten und uns beiläufig Hinweise gaben, wo und wie wir uns finden konnten, falls wir nun gleich auseinander gehen würden. Was wir dann taten. Nicht ihretwegen, sondern meinetwegen. Weil ich weggehen musste, da ich es nicht über mich brachte, der Hochstapler zu sein, zu dem sie mich gemacht hatte in ihrer Naivität. Weil ich es es nicht fertig brachte, ihr die Enttäuschung zu bereiten, mich ihr als der zu zeigen, der ich bin - und dann ihre Enttäuschung mit ansehen zu müssen.
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