Sonntag, 15. August 2010

Brief 2

Ich zwinge mich, mich nicht mehr mit Dir zu beschäftigen. Was sich leider?/zum Glück? als unmöglich erweist. Denn jetzt beginnt das zweite Kapitel. Titel: Ist sie es oder ist sie es nicht? – Bisher hatte ich Dich nur in der Schwimmhalle gesehen, in Deinem aparten Schwimmdress. Jetzt ist da eines Morgen die junge Frau, die mir beim Betreten des Stadtbades auffällt. Jeans trägt sie, einen kurzen taillierten roten Mantel und darunter etwas Hellblaues. Rot und Hellblau? Warum nicht, du Trollo?! Wie rotes Tank-Top und blaue Badekappe. Doch so scharfsinnig bin ich um sieben Uhr morgens noch nicht. Außerdem, die Haare. Lange dunkle Haare mit einem Hauch Rot darin. Ist sie das? Kann das sein? Sie hat lange, dunkle Haare? – Anderes Mal, Vorraum-situation nach dem Schwimmen. Die Frau mit den hohen braunen Schnürstiefeln, die sie mit – muss schon sagen – lasziver Geste schnürt. Nicht glotzen, guck weg! Dennoch kriege ich dann aus den Augenwinkeln mit, wie die Frau mit den Schnürstiefeln hinaus rauscht, in einem langen weißen Cape - wie Kim Basinger in L.A. Confidential eins trägt. War das etwa die Schwimmerin aus Übersee? - Ich überspringe weitere Beispiele, wenn auch ungern, denn (vom weißen Cape abgesehen) ich konnte gar nicht genug kriegen von den Variationen Deines Stils.

So unmöglich wie es bei alldem ist, mich nicht mehr mit Dir zu beschäftigen, genauso unmöglich ist es bei diesen Begegnungen, Deinem Blick zu begegnen, ein klitzekleines scheues Lächeln mit Dir zu wechseln oder einfach nur lapidar „Guten Morgen“ zu sagen. Ganz unverfänglich, unter Leuten, die sich inzwischen seit Monaten jede Woche zwei- oder dreimal in einem Schwimmbecken sehen. - Ich weiß nicht mehr, wann es genau war, aber es war auf jeden Fall die Beschäftigung mit Deinem Kleidungsstil, die meiner Erinnerung auf die Sprünge half: Die Frau mit dem Hunderteuroschein und der schwarzen Blume auf dem schwarzen Mantel, das warst Du! Na, klar! Und sieh mal an: So herb kannst Du also auch sein? Diesen harten Ton hast Du drauf? – Respekt! Das gefällt mir. - Viele Wochen später, im Hallenbad am Heidelberger Platz. Auf meine „beherzte“ Initiative hin grüßen wir uns inzwischen. Einmal habe ich sogar Dein Lächeln gesehen und werde es nie wieder vergessen. Da kommt es zu folgendem Dialog, der eigentlich zu knapp ist, um als solcher zu gelten. Ich: Überholen Sie mich einfach. – Du: Okay. Dankeschön. – Wieder bin ich überrascht. Und wieder denke ich: Ach, so kann sie also auch sein. In diesem Fall, so zuckersüß. Wie nett! Aber wie gut, dass sie auch die andere knurrige, mürrische Art drauf hat („I love you more when you´re spiteful“).

Da ich Deinen Namen nicht weiß, habe ich Dir - für mich - einen Namen gegeben. Ich nenne Dich Contessa. Das hat entfernt mit Hemingway zu tun. Vor allem aber damit, wie Du Deine langen Beine übereinander schlägst, wenn Du Dich an den Beckenrand setzt. Mit der nachlässigen Bewegung, mit der Du beim Brustschwimmen wendest. Mit – so ist das eben, wenn man verliebt ist – der feinen Zeichnung Deiner Oberschenkelmuskulatur. Mit Deiner Haltung, wenn Du am Beckenrand sitzend Deine Haare zusammenbindest; womöglich gerade von der einfallenden Sonne in goldenes Licht getaucht (also das war wirklich zu viel; jetzt übertreibt sie es aber, habe ich da gedacht; und sie kann nicht mal was dafür). Es hat mit Deinem Stolz zu tun. Und: mit Deiner Unnahbarkeit hat es zu tun. – Du schaffst tatsächlich das Kunststück, auch jetzt noch im dritten Kapitel, da Du inzwischen interessiert zu sein scheinst an mir, weil Du wissen willst, wem Du da so gut gefällst, Du schaffst es auch da noch, unnahbar zu erscheinen. Obwohl Du begonnen hast, mir Gelegenheiten zu geben, auf Dich zuzugehen: kein Lächeln, kein Gruß, kein Blick (und später am Heidelberger Platz das Lächeln, der Gruß, der Blick getaucht in zuckersüße Förmlichkeit). Das ist ein solcher Widerspruch, das Bieten der Gelegenheit und die Körpersprache, die es zugleich dementiert, dass es mich fast um den Verstand bringt, da ich letztlich nie weiß, ob ich mir das alles nur einbilde, weil ich es mir so sehr wünsche. – Zu einem Freund sage ich mal in meiner Verzweiflung: „Wer ist sie? Was will sie von mir? Ist sie eine Schriftstellerin, die mein Verhalten beobachtet, während sie mich in ihrem Plot herumirren lässt wie eine Laborratte im Labyrinth?“ – Und eine ganze Zeit lang frage ich mich allen Ernstes, ob Du vielleicht ein Mädchen bist, das ein Junge ist. Weil Du so überhaupt nicht spielst damit, begehrt zu werden. Weil Du nicht flirtest, kein bisschen kokettierst. Weil Du Deine Scheu hinter dem gleichen männlichen Ernst verbarrikadierst wie ich. – Inzwischen denke ich nicht mehr, dass Du ein Mädchen bist, das ein Junge ist. Und falls es doch so wäre: Es wäre kein Hindernis. Du wärst zwar der erste Junge in meinem Leben und auch das erste Mädchen, das ein Junge ist. Aber da mir nun mal alles an Dir gefällt, von dem weißen Cape mal … .

Viertes Kapitel. Die Spannung steigt. In die Irritation mischt sich Verzweiflung. Meine Sehnsucht nach Dir ist nicht mehr süß, sie beginnt weh zu tun. Es geht jetzt nur noch um Gelegenheiten, die Du mir gibst. Um mein Versagen dabei, sie zu ergreifen. Um die verschiedenen Gründe, die das hat – und weiter, immer weiter um Ungewissheit und die quälende Frage, ob ich mir diesen ganzen Roman mit Dir nur einbilde. Mittlerweile hat das Stadtbad Schöneberg geschlossen. Mein Plan war, Dich in der letzten Woche anzusprechen, um Dir zu sagen, dass wir jetzt am Heidelberger Platz schwimmen können. Dann hast Du aber offenbar nicht mitgekriegt, dass das Stadtbad außerplanmäßig noch eine Woche länger geöffnet hatte. Wunderbarerweise bist Du trotzdem am Heidelberger Platz aufgetaucht. Wir haben angefangen uns zu grüßen. Ich habe Dein Lächeln gesehen. Da stehe ich einmal nach dem Schwimmen draußen mit meinem Fahrrad und sehe Dich hinter der Glasscheibe des Portals. Im Begriff herauszukommen? Oder abwartend, bis ich weg bin? – Ich sehe auf die Distanz nicht Deinen Gesichtsausdruck, glaube jedoch Deinen Unwillen zu spüren und fahre deshalb los. Kraftvoll in die Pedale tretend überholst Du mich dann an einer Ampel. Nichts wie vorbei, nichts wie weg. Um bloß nicht von mir angesprochen zu werden? Oder um mich dazu zu bringen, Dir hinterher zu radeln? Weil Du eine Löwin bist, willst Du gejagt werden? – Hm. - Ich biege gleich danach ab, um meinen üblichen Weg durch den Volkspark zu nehmen. Optimistisch, dass sich schon noch eine Gelegenheit ergeben wird, Dir zu sagen, dass wir, wenn auch das Bad am Heidelberger Platz schließen wird, in der Nähe in einem Freibad schwimmen können. Du bist dann nur leider nicht mehr gekommen. Statt dessen sehe ich Dich fortan regelmäßig in einer Dachwohnung in der Xxxxxxxxxxxxxxstraße, die meiner Wohnung gegenüber liegt. Oder bilde ich mir das nur ein? - Schwerer Rückfall ins zweite Kapitel und zu der Frage: Ist sie es oder ist sie es nicht?
(Fortsetzung folgt)

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