28./29./30.11.09
Liebe Contessa,
das erste und einzige Mal, dass wir miteinander geredet haben, das war Ende Januar im Entrée des Stadtbad Schöneberg. Und das ging so:
Du: Hallo!
Ich suche gerade fieberhaft nach meiner Zehnerkarte.
Du (machst auf Dich aufmerksam): Entschuldigung!!
Ich schaue zu Dir hin.
Du: Können Sie einen Hunderteuroschein wechseln?
Ich: Ich kann nicht mal meine Zehnerkarte finden.
Du wendest Dich ab.
Ich: Ich kann nicht wechseln. Aber ich kann Ihnen das Geld für den Eintritt geben.
Du (höhnisch): Ha-haa!
Ich: Gleich um die Ecke in der Eisenacher gibt es eine sogenannte Sportsbar. Durchgehend geöffnet. Vielleicht kann Ihnen da jemand wechseln.
Du (mürrisch): Danke.
Anschließend beim Schwimmen brüte ich darüber, was wohl passiert ist zwischen den Frauen und den Männern, dass das arglose Angebot, mit drei Euro auszuhelfen, als Aufdringlichkeit zurückgewiesen wird. Für wen hält die mich? Was denkt die sich? Dass ich mich damit in ihr Leben drängen will? - Ich habe schon traurigen kleinen Mädchen und weinenden Jungs das Geld geschenkt, das ihnen für den Eintritt gefehlt hat. Warum soll ich da nicht einer fremden Frau Geld schenken/auslegen, die gerade von der unfreundlichsten Kassiererin des Hallenbades abgewiesen worden ist. Und sei es nur, um der Zicke an der Kasse zu zeigen, was sie im Leben alles verpasst.
Wo ist sie eigentlich, die Frau mit dem Hunderteuro-schein? Hat sie ihn nicht gewechselt gekriegt? Denn da sind nur die vertrauten Morgenschwimmer. Unter anderem der bullige Kerl, der aussieht wie ein Mitglied der Panzerknackerbande; zu dem ich mal bei einem Streit in der Umkleide gesagt habe: „Ich verachte Sie!“, und mit dem ich mich in den nächsten Monaten befreunden werde. Oder die anmutige Schwimmerin mit der blauen Badekappe, dem roten Tank-Top und der schwarzen Hose. Brustschwimmen ohne Kopfeintauchen, Kraul-schwimmen mit Schwimmbrille, Rückenschwimmen, Brustschwimmen. Insgesamt exakt 50 Minuten. Das werde ich allerdings erst später bemerken. Vorerst rätsele ich noch über ihrem Outfit. Findet sie Badeanzüge vulgär? Oder ist es ein feministisches Statement? Will sie ihren Körper nicht zur Schau stellen?
Erst beim Verlassen des Bades sehe ich die Frau mit dem großen Geldschein wieder. Während ich im Entrée meine Schuhe anziehe, bemerke ich sie auf der Bank gegenüber, wo sie sich fertig anzieht. War sie also doch in der Schwimmhalle. Einen eleganten schwarzen Mantel hat sie. Auf der Rückseite ist eine große schwarze Blume aufgesetzt. Aha. – Sie verlässt das Gebäude vor mir. Wir haben den gleichen Weg. Links um die Ecke über den Parkplatz. Sie beschleunigt ihre Schritte, als fühlte sie sich von mir verfolgt. Es wird immer doller. Die letzten Meter zu ihrem graublauen Golf rennt sie geradezu, und dann schnell rein ins Auto. Gerettet! – Und wovor jetzt noch mal genau? Ich könnte mich schieflachen. Was denkt sie, wer ich bin? Ich, dem nichts so fern liegt wie Aufdringlichkeit. Ich, der ich nie auf die Idee käme, eine fremde Frau anzuquatschen. Ja, das ist so. Leider, wie sich noch zeigen wird.
Anfang Februar. Wieder Stadtbad Schöneberg. Ich bin gerade mal zehn Minuten im Wasser. Lautsprecher-durchsage: Wir sollen sofort das Becken verlassen. Ich raus und mit den anderen hin zum sogenannten Schwimmmeister. Er erklärt uns, dass die Keimbe-lastung des Wassers den kritischen Punkt überschritten hat. Da meldest Du Dich zu Wort. "Aber vielleicht, wenn wir zehn oder zwanzig Minuten warten, dann das Wasser ist wieder gesund." - Nichts zu machen, es dauert zwei Stunden, bis der Badebetrieb wieder aufgenommen werden kann. Blöd. Aber immerhin haben wir das jetzt auch mal erlebt. Außerdem weiß ich jetzt, dass Du Amerikanerin bist (Nordamerikanerin) – und ich bin so was von bezaubert von der Formulierung „das Wasser ist wieder gesund“, dass ich den ganzen Tag immer wieder daran denken muss und jedes Mal unwillkürlich lächle vor Freude über diesen Sprachgebrauch, der ja schon treffend, aber eben auch irgendwie drollig ist; jedenfalls würde ein deutscher Sprecher das so nie sagen. – Auch am nächsten Tag muss ich noch lächeln über die Formulierung und auch noch am übernächsten Tag, und als sich das verliert mit dem Lächeln, bleibt immer noch das Bild: wie Du da gestanden hast in Deiner schlaksigen Anmut, wie Du Dich gezeigt hast in Deiner Lebhaftigkeit, Mädchen und Weib in einer Person. Dieses Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich merke es gar nicht gleich, weil es so unerwartet ist, so unwahrscheinlich: Ich habe mich in Dich verliebt, verguckt, verschossen, verknallt. Ich muß unentwegt an Dich denken („you are always on my mind“). Bin beglückt, wenn ich in die Schwimmhalle komme, und Dich sehe. Muss Dich immerzu angucken („can´t take my eyes off of you“). Der ganze Song-Kitsch. Jetzt so wahr und lebensnah. Und das im grauen Berliner Februar. Bis ich bemerke oder zu bemerken glaube, dass Dir mein ewiges Gucken lästig ist. Ich weiche in die Mitte des Beckens aus. Ist doch auch lächerlich. Hör auf damit! Das ist ja gruselig für die junge Frau. Und du selbst machst dich nur unglücklich mit dieser Vernarrtheit.
(Fortsetzung folgt)
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