An die Tess, 18-01-11:
Die beiden ersten Texte sind schreiberisch völlig verpeilt – das Drama um meine Vermutungen, mein Wissen und zugleich Nicht-wissen, mein Ahnen, und dann wieder seriös sein und keine unhaltbaren Aussagen machen wollen, dieses Drama überlagert das eigentliche Drama, von dem ich erzählen will: Dein Drama. – Ich kann nicht davon erzählen, weil ich zu wenig darüber weiß.
Mein Plan war: Aschenputtel 1 + 2, da sondiere ich, was ich zweifellos weiß und welche Wahrscheinlichkeiten sich daraus ergeben. Aschenputtel 3, da zeichne ich ein Bild Deines Lebens da drüben als Aschenputtel Tess. – Die Erklärung dafür, dass Du so oft alleine bist – und dafür, dass Du Dich auf die schattenspielartige Affäre mit mir eingelassen hast. - Daran anknüpfend Vermutungen, warum Du das mitmachst, was Dir zugemutet wird vom Professor, der Dich betrügt. – In meiner einfachen Art sehe ich dafür nur zwei mögliche Erklärungen. Entweder Du liebst ihn – lieben, mit allem, was es bedeutet – großes Lieben – so groß, dass Du ihn immer noch weiter liebst, obwohl er Dich betrügt, obwohl Du erkannt hast, dass er ein Betrüger ist als Charakter und Dich damit herabwürdigt, dass er Dich täuscht und Dich weiter täuscht, obwohl Du seine Täuschungen durchschaut hat, und dass er das tut, weil er sich Deiner sicher zu sein glaubt. Aber diese Sicherheit willst Du ihm nehmen, indem Du ihm zeigst, dass Du von anderen Männern begehrt wirst. Zum Beispiel von mir. Zugleich tust Du das aber auch für Dein Selbstwertgefühl. Um Deine Seele zu retten, holst Du Dir bei anderen Männern, was Dir der Mann, den Du liebst, nicht gibt. Erwiederung von Liebe. – Frage allerdings, was will er von Dir? Was holt er sich bei Dir und gibt er Dir dabei – nur eben nicht die Erwiederung von Liebe, die Du Dir wünschst? – Was kann es sein? – Regelmäßigen Sex, eine bestimmte Qualität von Sex, die er bei Dir bekommt, aber bei der anderen Frau nicht? – Von der bekommt er etwas anderes …. . – Also Sex. Und Anwesenheit einer Frau – einer dienstbaren Frau auch. – Meine Vorstellung, dass Du auch seine Hausfrau bist. – Dass Du kochst für ihn, wäschst, bügelst ... . Dass Du ihm den Haushalt machst. – Weitergehende Vorstellung: Deine Liebe. Und er beutet sie aus. – Das kann sein, aber es kann nicht das alleine sein. Ich habe ihn mehrfach leiden sehen Deinetwegen. Auf eine Art, wie einer nicht leidet, wenn es nur um den Besitz und die Verfügbarkeit einer Hausfrau geht, die zugleich Mätresse ist.
Zurück. Was hält Dich in der Situation? – Liebe. Große Liebe. Oder: Not. – Du kannst nicht weg aus diesen Verhältnissen, die unerträglich sind für Dich, weil Dir die Mittel dazu fehlen. Du hast durch ihn eine Versorgung (dazu gehört zum Beispiel mietfreies Wohnen). Und wenn Du weggehst, hast Du die nicht mehr. Du kannst finanziell nicht auf eigenen Beinen stehen. Nach meinen Eindrücken hast Du mal einen Job gehabt. Inzwischen hast Du den nicht mehr. Oder wenn, dann hast Du nur einen kleinen Job.
Eine wichtige offene Frage ist, wie Du in diese Situation gekommen bist. – Wie bist Du nach Berlin gekommen? Hat er Dich hierher geholt? Ist er der einzige Grund, warum Du hier bist? – Würdest Du zurückgehen nach da, wo Du herkommst, wenn Du es könntest? Wenn Du die Mittel dazu hättest? – Das ist jetzt aber, glaube ich, eine Überdramatisierung. Beim Niveau der Flugpreise ist das eigentlich nicht vorstellbar. – Aber es gibt auch noch andere Gründe, warum jemand nicht zurück will dahin, wo er herkommt. – Weil er nicht als Verlierer dastehen will. Und das würdest Du, wenn Du zurückgehst? – Ein Drittes ist etwas, das für mich typisch ist, was allerdings bestimmt auch anderen Leuten passiert als eine Falle, die sie sich selbst stellen: Man will sein Scheitern nicht eingestehen. Denn von dem Moment an, in dem man es sich eingesteht, ist man wirklich gescheitert. Während, wenn man weitermacht, wenn man nicht aufgibt, dann gibt es weiter die Möglichkeit, das Scheitern abzuwenden.
All das weiß ich nicht. Es führt zu weit. Es löst sich auf in so viele Varianten, dass es kein Bild mehr zeichnet von Dir. Was ich jetzt erzählen kann ist nur, dass Du da lebst als eine vernachlässigte Frau/Geliebte eines Mannes, der Dich betrügt oder Dir offen zumutet, dass er neben Dir noch eine andere Frau hat – die er Dir möglicherweise sogar vorzieht. Von dieser Vorstellung habe ich Dir erzählt. Worauf ich den Eindruck hatte, dass Du sie bestätigt hast. Im Detail liege ich bestimmt daneben, aber im Ganzen ist es zutreffend. So habe ich Deine Reaktion gedeutet. Und zu der Reaktion gehörte auch der Akzent auf: Betrügen. Betrüger.
Dass die beiden Texte (A 1 + 2) so daneben gegangen sind, zeigt mir, dass es so nicht geht. – Und nicht nur, weil ich heute müde bin, da mir eineinhalb Stunden Schlaf fehlen, schrecke ich zurück davor, das zu machen, was ich in Aschenputtel 3 vorhatte, ein Bild Deines Lebens zu zeichnen und dabei auf das kritische Abwägen der Mutmaßungen von Aschenputtel 1 + 2 zu verzichten; es reicht, dass es das dort gibt. - Der beste Text ist der, den ich Dir am Freitagabend geschrieben habe. – Der zeichnet ein Bild. – Aschenputtel 1 +2 ist zweimal ein Krampf – aber auch so etwas wie eine Fundierung des Bildes. – Ich könnte die relevanten Passagen aus dem Text an Dich herausnehmen und aus ihnen einen Post bauen für BzB und A 1 + 2 verlinkt in Das alte Biest stellen. – Und ich könnte das Bild weiter zeichnen – ausmalen, indem ich die Fragen stelle, die ich hier – siehe oben – gestellt habe. – Das ist eine Lösung. Ob es die richtige ist, kann ich im Moment nicht entscheiden, weil ich so einen müden Kopf habe. Beim Schreiben der Morgenseiten vorhin bin ich fast eingeschlafen. Wirklich!
Freitag, 21. Januar 2011
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