Mittwoch, 19. Januar 2011

Aschenputtel 1

Was wird das jetzt? – Hypothese, Annahme: Eindrücke. Beobachtungen. Deutungen. Vermutungen. Verdichtet zu einer Vorstellung. – Lücken. Varianten. Vorstellung mit mehreren Unbekannten. – Betrachter teilnehmend: Begehren. Sehnsucht. Einfühlung. Phantasie. Projektion. Blindheit. Verwirrung. Zu wenige Informationen.
Ein Paar. Die Tess und der Professor. Entweder schon seit längerem zusammen und wieder vereint oder noch nicht lange zusammen. Paar an einem Hochsommerabend auf einem Balkon gießt die Balkonpflanzen der verreisten Nachbarn. Honeymoon-Anmutung. – Zweite Szene: Das Paar mit einem anderen Paar auf dem Dach. Morgen nach einer langen Nacht. Das Paar wird fotografiert. Der Professor hockt in sich zusammengesunken. Die Tess posiert für das Foto, indem sie ihren Arm um die Schultern des in sich zusammengesunken hockenden Professors legt. Liebespaar.
Wenige Wochen später Streit. Früher Abend des 15. September 2009 (Dienstag). Offene Fenster. Geschrei der Tess. Deutlich zu hören: Oh yeah, I had my fun! Tonfall höhnisch. – Danach Türenschlagen. Die Tess verlässt die Wohnung, Rückzug in das zur Wohnung gehörende kleine Apartment (Contessa-Zimmer). In der Wohnung, Wohnzimmer, am Tisch der Professor, ihm gegenüber sitzend eine Frau, über deren Identität lange Unklarheit bestand. Inzwischen kein Zweifel mehr: es ist die Frau, die sich Monate später in einem Telefongespräch mit mir als die Frau des Professors bezeichnet hat: ich bin seine Frau, hat sie gesagt und ich habe das damals für ein Täuschungsmanöver gehalten. Inzwischen glaube ich jedoch, dass sie tatsächlich die oder eine Frau des Professors ist. Ex-Frau; die beiden immer noch verbunden durch gemeinsamen Wohnungsbesitz. Oder Ehefrau, Noch-Ehefrau. Lebend und arbeitend in London. Sie immer wieder zu Besuch in Berlin. Er immer wieder zu Besuch in London? – Fernbeziehung? Oder nie ganz beendete Beziehung? Wieder aufgenommene Beziehung? – Auf jeden Fall ist die Tess nicht die einzige Frau im Leben des Professors. Neben ihr als seiner mit ihm in der Dachwohnung zusammenlebenden Freundin gibt es noch eine weitere Frau. Die bezeichnet sich als seine Frau und es gab sie schon im Leben des Professors, bevor es die Tess gab. – Dass es sie gab, hat die Tess sicher gewusst; sicher nicht gewusst hat die Tess, welchen Status diese Frau hat oder behauptet (ich bin seine Frau) im Leben des Professors - dass er also immer noch was mit ihr hat. Wie viel und wie sehr und wie er das hinkriegt mit beiden Frauen, ist unklar. Aber es scheint so, dass er es nicht gut hinkriegt. Zumindest nicht so, dass es für die Tess gut ist.
Abend des 15. September 2009. Satz: Oh yeah, I had my fun. Streit. Der Professor am Tisch mit einer Frau, die ich damals für eine Nebenfigur hielt. Nachdem die Tess wütend weggelaufen ist, der Professor zu sehen, wie er erst der Frau, die ihm gegenüber sitzt, und dann sich selbst Wein einschenkt. Die Frau feixt; der Streit scheint ihr gefallen zu haben. Der Professor hat gerade etwas klargestellt. Einen Schnitt gemacht. Die Tess abgewiesen. – Damals war ich intuitiv der Überzeugung, dass die Tess schwanger war und dass er ihr erklärt hat, dass er kein Kind haben wolle. – Denn: Wenn eine Frau weggeht aus einem Streit mit einem Mann und in höhnischem Ton ruft: Oh ja, ich hatte meinen Spaß – dann muss er vorher gesagt haben: Du hattest deinen Spaß. – Anders lässt sich der höhnische Ausruf der Frau nicht erklären; denn das wird sie wohl kaum im Streit als positive Feststellung von sich aus sagen: Oh ja, ich hatte meinen Spaß – und das dann auch noch in höhnischem Ton. – Er hat zu ihr gesagt: You had your fun. Du hattest deinen Spaß. – Und wann sagt ein Mann, der ein Mann ist, der so etwas zu einer Frau sagt, einen solchen Satz im Streit mit einer Frau? – Da gibt es nur zwei Möglichkeiten. A) Wenn sie schwanger ist, er das Kind nicht haben will und er argumentiert, du hattest deinen Spaß, jetzt trage auch die Konsequenzen. B) Wenn er sich von ihr trennt. Wenn er sie wegschickt und erklärt: Es ist vorbei. Aber du hast keinen Grund Dich zu beschweren. Du hattest schließlich deinen Spaß.
Weil ich die Rolle der am Tisch sitzenden Frau nicht richtig eingeschätzt und sie für eine Nebenfigur gehalten habe, war ich damals überzeugt von der Variante A (schwanger). – Für diese Variante sprach auch, dass ich an den folgenden Abenden die Tess und den Professor an dem Tisch im Wohnzimmer sitzen und miteinander reden sah. Eindruck von stundenlangem Reden. Eindruck, dass er sie von etwas überzeugen will. – Was ihm dann aber nicht (gleich) gelungen ist. Denn am Samstag darauf sah ich die Tess im Contessa-Zimmer sitzen, im Hintergrund ihre gepackte Tasche, die Tess offensichtlich entschlossen, den Professor zu verlassen. Der stand vor ihr, redete auf sie ein. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Er wollte sie offenbar vom Weggehen abhalten. Nur eben ein Kind wollte er nicht? Oder ging es um etwas anderes? Das habe ich damals nicht in Erwägung gezogen. Danach dann nur mitgekriegt, dass die Tess weg war. Dass sie nach ein paar Wochen wieder zurückkam (nicht oder nicht mehr schwanger) und die beiden wieder zusammen waren, es aber nie lange gut ging. Immer wieder gab es Streit, woraufhin sie sich ins Contessa-Zimmer zurückzog, dort übernachtete, sich ihm verweigerte, zwei Wochen lang, einmal sogar drei Wochen, länger allerdings nie. Dabei schien er der Leidtragende zu sein. Derjenige, der sich um sie bemühte, sie umzustimmen versuchte. Während sie nicht so ohne weiteres bereit war einzulenken. - Gekränkt? Grollend?  – Warum?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen