Samstag, 25. Dezember 2010

Prada

Wie kam ich auf konventionelle Erzählung.? Es wird keine konventionelle Erzählung von mir geben. Kann ich nicht. Will ich nicht. Kann es auch deshalb nicht geben, weil die Geschichte gerade erst begonnen hat. Geschichte vom Schlub und mir. Schlub, der nicht aus seiner Haut kann. Das soll sich ändern. Hier. Doch jetzt ist er erst einmal weg. In Exotien, wie ich das Land nenne, aus dem seine Frau kommt. So nenne wegen Anonymisierung aus Rücksichtnahme auf die reale Person des Schlub. Ginge es nur nach mir, gäbe es keine Rücksichtnahme. So aber ist zu berücksichtigen die Rachsucht des Schlub und seine Neigung, Anwälte in Bewegung zu setzen, wenn er etwas vermasselt hat. Und mit mir hat er etwas vermasselt. Er weiß noch gar nicht wie sehr. Auch das soll sich ändern. Hier. - Der Schlub in Exotien. Bei der Familie seiner Frau in einer großen Stadt. Oder an einem Strand in einem malerischen kleinen Badeort, wo er vielleicht wieder bedient wird in einem Café von der jungen Exotierin, die jeden Tag 120 km fährt in eine nahegelegenen Stadt, wo sie studiert. Und das Geld für ihren Lebensunterhalt verdient sie in dem Café, in dem der Schlub sitzt mit seiner Frau, die sich mit ihr unterhält in der Landessprache und das Gespräch dann dem Schlub übersetzt hat. Worauf er beeindruckt war und davon mir erzählt hat nach seinem vorigen Aufenthalt in Exotien. Seit er mit seiner Frau und deren Kindern unterwegs ist, hat er mehr zu erzählen von seinen Reisen als zuvor. So hat er von Vietnam, das er mit seiner angeheirateten Familie besucht hat, mir berichtet, dass er dort die älteren Jungs und das Mädchen mit einer Kalaschnikow hat schießen lassen, und anschließend ist er mit der ganzen Kinderschar durch ein Tunnel-Labyrinth des Vietcong gekrochen; er voraus, Mutter Emma Maria als Nachhut hinterher. - Das ist deutlich mehr erlebt auf einer Reise als früher. Als er zum Beispiel einmal eine Woche in London war und hinterher nur erzählt hat, dass dort die Restaurants schon um halb sieben Uhr abends voll besetzt sind. Oder als er einmal alleine drei Wochen in New York war und hinterher voller Stolz berichtete, dass jeden Morgen eine New York Times vor der Tür seines Hotelzimmers lag und er in einer U-Bahn-Station einen Prada-Laden entdeckt hat, wo er bevorzugt bedient wurde, weil die Verkäuferin sofort gemerkt hätte, dass er von Kleidung etwas versteht. Er, von dem ich immer sage, dass ich niemanden kenne, der für so viel Geld so schlecht angezogen ist wie er. Und dann auch noch Prada. Nicht einmal der Teufel trägt mehr Prada. Selbst die busweise angekarrten Russinnen im KdW lassen das Zeug inzwischen liegen. Doch das habe ich ihm natürlich nicht gesagt. Das habe ich mir gedacht und mit meinem Schweigen Rücksicht genommen auf ihn. Wie ich immer Rücksicht auf ihn genommen habe. Ihn beschützt vor mir. Auch dann noch, als es längst keinen Grund mehr dafür gab. Als es zum Bruch gekommen war zwischen uns im Frühjahr 2001 nach dem Guggenheim-Ereignis. Nur, dass ich den Bruch nicht vollzogen habe.

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